Kurzrezension
Hamit

"Leute ohne eine Bindung an Heimat sind mir verdächtig", notierte Walter Kempowski zu Beginn des geschichtsträchtigen Jahres 1990. Es war das Jahr, das ihm den Besuch in seiner Geburtsstadt Rostock ermöglichte. Im Januar machte er sich mit seinem Bruder Robert auf den Weg.

Was er in Rostock vorfand, stimmte nur rudimentär mit den Bildern in seinem Kopf überein. Die architektonischen Sünden des Sozialismus und die noch existierende Mauer in den Köpfen der Rostocker trübten die Freude erheblich. Auffallend an diesem Tagebuch des Jahres 1990 ist Kempowskis Unberechenbarkeit, seine Stimmungswechsel und sein kaum zu bändigender Tatendrang. Erinnerungen, Alltag, Politik und das eigene literarische Schaffen sind die Hauptbestandteile dieser literarischen Melange, der Kempowski den Titel "Hamit" verliehen hat - einer aus dem Erzgebirge stammenden mundartlichen Vokabel für Heimat. Wirklich ergiebig sind die Aufzeichnungen nur für Kempowski-Liebhaber und Literaturwissenschaftler. Es entsteht das Bild eines verletzlichen und höchst sensiblen Autors, der Kritik als persönlichen Angriff auffasst, aber (zumindest gedanklich) selbst gern kräftig austeilt. Wegen eines Lenz-Vergleichs möchte er Horst Krieg (damals wie heute für das Wochenendjournal bei der "Ostsee-Zeitung" verantwortlich) "eine runterhauen", und den Frankfurter Publizisten Wilhelm von Sternburg bezeichnet er als "unangenehmen Gesellen". So aufrichtig diese Bekenntnisse auch sein mögen, in literarischen Veröffentlichungen würde man als Leser gerne darauf verzichten. "Über das Wort Anerkennung in meinem Lebenslauf müsste ich auch mal nachdenken", notiert Kempowski. Im Wendejahr 1990 fühlt er sich vom westdeutschen Literaturbetrieb stiefmütterlich behandelt. Die Zeit heilt bekanntlich viele Wunden. Kempowski hat inzwischen die von ihm ersehnte öffentliche Anerkennung gefunden. Bleibt zu hoffen, dass seine sehr persönlichen Aufzeichnungen in "Hamit" nicht alte Wunden wieder aufbrechen lassen. Petitessen zum Schmunzeln, aber ohne großen Erkenntnisgewinn nach der Lektüre.

WALTER KEMPOWSKI: Hamit.

Tagebuch 1990 Albrecht München 2006, 417 Seiten, 24,95 Euro

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