Kurzrezension
Paul Collier: Gefährliche Wahl

Der britische Ökonom Paul Collier hat wieder zugeschlagen. Schon in "Die unterste Milliarde" hatte der in Oxford lehrende Afrika-Experte jede Menge provokanter Thesen aufgestellt. Mit seinem neuen Buch legt er nach und bringt zur Illustration auch historische Beispiele.
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Als die Römer sich aus Britannien zurückzogen, schickten die Briten eine Gesandtschaft nach Rom und baten darum, wieder kolonisiert zu werden. Weil das Imperium kein Interesse daran hatte, versank Britannien für Jahrhunderte in Gewalt und Chaos.

Die schlimmste Folge des Kolonialismus ist für den britischen Ökonom Paul Collier das Chaos, das er hinterlässt. Das Problem ist nicht die mangelnde Souveränität der nachkolonialen Staaten, sondern der Mangel an wirksamen - die Souveränität der Regierung beschränkenden - Kontrollen. Collier nennt als Vergleich Deutschland und Burundi. Deutschland hat viele Rechte an die EU und die Europäische Zentralbank abgegeben, Burundis Regierung ist völlig souverän. Aber den Deutschen geht es besser dabei.

Demokratie ist nach Colliers Studien in armen, schwachen Staaten gefährlich: Wahlen führen dort zu Gewalt. Collier schlägt vor, dass westliche Staaten Herrschern in schwachen Staaten militärischen Beistand versprechen, wenn sie sich fairen Wahlen stellen. Der lange Zeit bestehende militärische Schirm Frankreichs für seine ehemaligen Kolonien in Afrika habe sich sehr positiv ausgewirkt. Das beste Mittel, um Gewalt zu verhindern, ist laut Collier Wirtschaftswachstum. Deshalb sollte der Westen Geld in Länder pumpen, die einen Bürgerkrieg hinter sich haben. Nach folgendem Schema: Die Regierung vor Ort bestimmt die Verwendung, aber eine Agentur unter Aufsicht der Geberländer kontrolliert den Mittelfluss.

Ethnische Vielfalt stimuliert in wohlhabenden Ländern die Wirtschaft, sagt Collier. In armen Ländern kann sie dagegen vor allem bei autokratischen Regimen zum Zerfall des Staates führen, weil der jeweilige Diktator sich nur seinem Stamm verantwortlich fühlt. Dabei zeigt sich, dass gebildete Angestellte in Afrika politisch häufig enger an ihren Stamm gebunden sind als die Bauern auf dem Land. Collier hält nationalen Aufbau für extrem wichtig. Als Vorbild stellt er Julius Nyrere, den Staatsgründer Tansanias, heraus, weil der es geschafft habe, die Bevölkerung zu einer Nation zusammenzuschweißen. Und das, obwohl Nyrere eine katastrophale Wirtschaftspolitik verfolgt habe. Andere positive Beispiele sind Sukarno und Mandela.

Colliers Stärke ist, dass er seine Thesen aus empirischen Daten ableitet - ohne Rücksicht darauf, ob sie ihm selbst gefallen oder nicht. Deswegen gibt sein Buch jede Menge - oft auch unangenehme - Denkanstöße.

PAUL COLLIER:
Gefährliche Wahl. Wie Demokratisierung in den ärmsten Ländern der Erde gelingen kann
Siedler, München 2009, 272 Seiten, 19,95 Euro

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