Kurzrezension
Simone Veil: Und dennoch leben

Ein Tag nach seinem Abitur im März 1944 wird das jüdische Schulmädchen Simone Jacob in Nizza auf der Straße aufgegriffen, zwei Wochen später ist sie in Auschwitz. Sie überlebt die Hölle, zusammen mit ihrer Schwester, die Mutter stirbt in Bergen-Belsen. Vater und Bruder, auch verschleppt, sieht sie nie wieder. Erst am 23. Mai 1945 ist sie wieder in Frankreich.

„Diese Daten ... bleiben tief in mein Wesen eingeschrieben, wie die in die Haut meines linken Arms tätowierte Nummer 78651. Es sind die unauslöschlichen Spuren dessen, was ich erlebt habe“, schreibt Simone Veil in ihrer Autobiografie, die vor zwei Jahren mit dem Titel „Une vie“ in Frankreich erschien und jetzt übersetzt wurde.

Nur ein knappes Drittel des Buches reserviert die erste Präsidentin des Europaparlaments dem dunkelsten Kapitel ihres Lebens. Sie beschreibt den Tod und das Elend um sie herum mit schon fast nüchterner Distanz, doch gerade so lässt sie die Unmenschlichkeit des Holocausts vor dem geistigen Auge des Lesers entstehen.

Noch eine andere Besonderheit zeichnet dieses Buch aus: Simone Veil ist eine Frau mit sehr klaren Zielen und unbeugsamen Urteilen. Das spricht aus jeder Zeile dieser sehr lesenswerten Lebensgeschichte: Ob sie die Sprachlosigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber ehemaligen KZ-Häftlingen im Paris der Nachkriegszeit anprangert, den Streit mit ihrem Mann Antoine Veil schildert, als sie nach dem dritten Kind endlich als Juristin arbeiten will und er dagegen ist, oder auch das Desinteresse mancher französischer Politiker gegenüber Europa aufspießt – sie ist direkt, kompromisslos, von sich überzeugt und geht ihren Weg.

Ihre Karriere von der Gefängnisinspektorin des Justizministeriums über den Posten als Gesundheitsministerin im Kabinett von Jacques Chirac bis 1979 zur Spitzenkandidatur für die erste Europawahl für die UDF von Valéry Giscard d’Estaing und in das Amt der Parlamentspräsidentin verläuft ohne Brüche. Ihre Vision von einem föderalen System in Europa sieht sie nicht realisiert, sondern eine Rückkehr zu nationalen Interessen : „Meine Vorstellung von der EU gleicht inzwischen mehr ineinandergeschachtelten russischen Puppen als einem monolithischen Bauwerk.“

SIMONE VEIL:
Und dennoch leben. Die Autobiographie der großen Europäerin
Aufbau, Berlin 2009,
316 Seiten, 22,95 Euro

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