Kurzrezensionen
Die Mafia als Verkaufsschlager

Mafia sells – Bücher über die ehrenwerte Gesellschaft auf Sizilien und ihre Ableger Camorra und ’Ndrangheta verkaufen sich gut. Unverändert ist die Faszination, die von den geheimen Zirkeln mit ihren alten Ritualen und modernen Geschäftsmethoden ausgeht. Das Handelsblatt stellt zwei neue Publikationen vor, die das Potential zum Kassenschlager haben.
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Nach den blutigen Anschlägen der 80er-Jahre und den spektakulären Verhaftungen der Killer der Richter Falcone und Borsellino hat die Mafia ihre Taktik geändert und arbeitet im Verborgenen. Doch sie ist nicht minder gefährlich und erfolgreich: Nach dem neuesten Bericht der Antimafia-Kommission des Parlaments in Rom hat die Mafia einen geschätzten Jahresumsatz von 130 Milliarden Euro. Sie sei, so heißt es, immer mehr in der öffentlichen Verwaltung verwurzelt und mische ungebremst mit bei Ausschreibungen für staatliche Aufträge wie gerade erst nach dem Erdbeben in den Abruzzen.

Zwei neue Mafia-Bücher heben sich durch Originalität und Humor von vielen bisweilen marktschreierischen „Enthüllungsbüchern“ ab. Andrea Camilleri, Italiens meistgelesener Autor, Sizilianer, Erfinder des Commissario Montalbano, hat in seinem unvergleichbaren elegant-ironischen Stil ein Mafia-Lexikon geschrieben.

Seine Quelle sind die „pizzini“, kleine Mitteilungen, mit der Schreibmaschine geschrieben, zusammengefaltet und zugeklebt, mit denen Bernardo Provenzano kommunizierte. Der „Boss der Bosse“ wurde 2006 in einer Hütte in der Nähe seiner Heimatstadt Corleone verhaftet, 43 Jahre lang hatte er im Verborgenen gelebt – auch dank der gleichzeitig raffinierten wie primitiven „pizzini“-Methode. Camilleri erklärt die innere Struktur und das Vorgehen der Mafia unter Schlagworten wie „Codeschlüssel“, „Familie“, „Postzustellung“ oder „Töten“, und er druckt drei Original-„pizzini“ plus Übersetzung ab. Nach der spannenden und kurzweiligen Lektüre ist es viel leichter, neue Mafia-Nachrichten aus dem Süden einzuordnen.

Auch Ottavio Cappellani ist Sizilianer. DerJurist aus Catania hat eine Mafia-Satire geschrieben, in der ganz nebenbei auch fein beobachtet der Kulturbetrieb im Berlusconi-Italien persifliert wird. Seine Komödie „Habe die Ehre“ kleidet Cappellani in eine Open-Air-Inszenierung von Shakespeares „Romeo und Julia“ in einem Provinznest an der Küste. Die örtliche Prominenz, alter Adel, neues Geld, Funktionäre und ein paar Mitglieder „uomini d’onore“ sitzen auf den Betonstufen des nachgemachten Amphitheaters. Im zweiten Akt, als es auf der Bühne richtig spannend zu werden verspricht, fällt ein Schuss, der Kulturreferent in der ersten Reihe hat ein Loch in der Stirn, der Regisseur bekommt einen Nervenzusammenbruch. Mehr zu verraten schmälert das Lesevergnügen.

  1. Andrea Camilleri (2009) „M wie Mafia“. Kindler, Reinbek , 224 Seiten, 16,90 Euro

  2. Ottavio Cappellani (2009) „Habe die Ehre! Eine Mafia-Komödie“. Rowohlt, Reinbek 2009, 400 Seiten, 19,90 Euro

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