Lars Brandt
So nah und doch so fern

Nein: Lars Brandt schreibt nicht Geschichte um. Er deckt nicht auf, er rechnet nicht ab. Wer von "Andenken" Enthüllungen, Revision oder Einblicke in den Machtpolitiker Willy Brandt erhofft, sollte nicht zu diesem Buch greifen. Lars Brandt beschreibt - in seinen besten Momenten, von denen er viele hat, so präzise wie Peter Handke, so klar wie Annie Ernaux - sein Leben als Sohn.

HB BERLIN. Und auch wieder nicht. Wenn Lars Brandt über den Vater schreibt, nennt er ihn schlicht "V" - so wie der Vater seine raren Briefe an den Sohn nur mit dem Kürzel unterschrieb. "Für mich war V. weder Freund noch Feind. Er war Natur."

Das ist die eigentliche Grundierung des Bildes, das den "glazialen Abstand" beschreibt, der zwischen Willy Brandt und den meisten seiner Weggenossen, Freunden und der Familie herrschte. Der Sohn firnisst sein Bild eines Mannes, der sich verhielt, "als kannte er mich nur flüchtig", mit Andenken, ja: mit Souvenirs an einen Vater, dessen Antlitz er allein von einem Passbildautomaten "wirklich" getroffen sah.

Lars Brandt hat es sich nicht leicht gemacht, sein Leben als Sohn zu bündeln. Das liegt, zum einen, in der sperrigen Natur Willy Brandts, des Bundeskanzlers und früheren Emigranten Herbert Frahm begründet, der wie kaum ein anderer Politiker des Nachkriegsdeutschlands mit elementarem Hass, brüsker Zurückweisung und schamlosen Verleumdungen leben musste.

Doch das Öffentliche, Politik, Skandal und Feindschaft spielen in den "Andenken" nur da eine Rolle, wo sie sich unvermeidlich - wie der DDR-Spitzel Günter Guillaume - im Privaten einnisten konnten.

In luziden Sätzen schildert der Sohn den abendlichen Besuch von Herbert Wehner zur Fischsuppe, von dem mit unglaublicher Anzahl erlegter Bären prahlenden Sohn von Rumäniens Diktators Ceausescu. Doch diese Begegnungen mit den Abziehbildern der politischen Berühmtheiten machen das Buch nicht aus. Der Sohn lässt sie in seiner wohl geordneten Souvenirsammlung nur als Schemen einer anderen Welt, aus gleißender Öffentlichkeit hinzutreten. Die war nie seine, obwohl er für den Vaterkanzler Reden schrieb.

Doch macht der Sohn sich nichts vor, doch weiß er, dass das rein Private, das Reine nicht existierte. "Auch wenn ich konstatiere, an dem Pakt mit der Öffentlichkeit, der sein Leben charakterisiert, nicht beteiligt zu sein, kann ich schwerlich an ihn denken, ohne darauf hingewiesen zu werden, dass es in allem mehr gab als uns beide." Der Vater: so nah, so fern.

Wohl gemerkt: "in allem". So erkennt der Sohn im Vater ein "siamesisches Widerspruchsgebilde, sich irgendwie zwischen Licht und Schatten verdoppelnd, zusammengewachsen an ungewisser Stelle, mit einer konkreten und einer abstrakten Hälfte". Solche Sätze muss man erst einmal finden.

Bei Brandt perlen sie nur so wie an einer Schnur, einer nach dem anderen. "Hätte man diesen Menschen von seinen Widersprüchen befreien wollen, wäre wenig von ihm übrig geblieben." Das mag vielleicht für jeden zutreffen. Doch bei einem Menschen wie Willy Brandt scheint sich ein ganzes Leben darauf kapriziert zu haben, Widersprüche als das eigentliche Leben zu leben.

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