Lech Walesa kritisiert
Grass droht Entzug von Auszeichnungen

Das späte Bekenntnis des deutschen Literaturnobelpreisträgers Günter Grass, als Siebzehnjähriger Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, hat auch im Ausland erheblichen Wirbel ausgelöst. Der Streit dreht sich besonders auch um verschiedene Auszeichnungen, die Grass bisher erhalten hat.

hsp/doh/HB DÜSSELDORF. Nun könnte Grass die Ehrenbürgerschaft der Stadt Danzig entzogen werden. „Es ist eine unangenehme Situation entstanden. Ich fühle mich in dieser Gesellschaft nicht wohl“, sagte Friedensnobelpreisträger Lech Walesa, selbst Ehrenbürger von Danzig, in der „Bild“-Zeitung. Der frühere Gewerkschaftsführer sagte, er wisse nicht, „ob man nicht überlegen sollte, ihm diesen Titel abzuerkennen. Wenn bekannt gewesen wäre, dass er in der SS war, hätte er die Auszeichnung nicht bekommen.“ Das Beste sei, wenn Grass selbst auf die Ehrenbürgerschaft verzichte.

Der Rat der Stadt Danzig will erst einmal abwarten. „Die Angelegenheit ist zu frisch, um sie zu kommentieren“, sagte Bogdan Olesezek, Vorsitzender des Stadtrates. „Man muss das alles erhellen. Formal besteht allerdings die Möglichkeit, Grass die Ehrenbürgerschaft abzuerkennen.“ Der Stadtrat wolle sich womöglich bereits in den kommenden Wochen mit dem Thema befassen. Grass ist seit Mai 1993 Ehrenbürger seiner Geburtsstadt Danzig.

Grass droht auch der Entzug des Karel-Capek-Preises des tschechischen PEN-Clubs. „Wir werden das besprechen“, sagte der PEN-Vorsitzende Jiri Stransky am Sonntag im tschechischen Fernsehen. „Ich würde das nicht ohne Beachtung lassen.“ Grass ist Ehrenmitglied des tschechischen PEN-Clubs und hatte die Auszeichnung 1994 erhalten.

Vom Nobelpreiskomitee war am Wochenende keine Stellungnahme bekannt geworden. Ob Grass bei einem früheren Bekenntnis seiner Waffen-SS-Mitgliedschaft jemals den Preis erhalten hätte, ist laut Literaturkritiker Hellmuth Karasek fraglich. So wie er die Akademie einschätze, „hätte sie den Nobelpreis nicht an jemanden verliehen, von dem bekannt war, dass er in seiner Jugend in der Waffen-SS war und das lange verschwiegen hat“, sagte Karasek. Grass habe den Nobelpreis wie kein anderer deutscher Autor verdient. Aber auf einmal komme alles in ein neues Licht, sagte Karasek.

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