Lee, Baum, Roger
Die Bücher der Woche

Autorin Harper Lee kehrt mit einem Buch zurück, welches älter als ihr Weltbestseller ist. Antonia Baum verblüfft mit ihrer Anti-Heldin. Und eine klare Botschaft vermittelt Marie-Sabine Rogers Roman. Die Bücher der Woche.
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Berlin/New YorkMehr als 50 Jahre nach dem Weltbestseller „Wer die Nachtigall stört“ gibt es erstmals wieder einen Roman der US-Autorin Harper Lee. Das Buch ist allerdings eigentlich schon älter als „Wer die Nachtigall stört“ - und dürfte viele Fans des Klassikers schockieren.

Atticus Finch ist so etwas wie das moralische Gewissen der USA. Der stets freundliche und weise Rechtsanwalt verteidigt in dem 1960 veröffentlichten Weltbestseller „Wer die Nachtigall stört“ einen zu Unrecht der Vergewaltigung beschuldigten Afro-Amerikaner – und erteilt dabei sowohl seinen Kindern Jem und Scout als auch einem ganzen Land eine Lektion in Toleranz, Nächstenliebe und Menschenrechten. Für unzählige US-Amerikaner galt die Romanfigur jahrzehntelang als eine Art perfekter Mann und Vorbild. Sogar mehr als 800 Kinder wurden im vergangenen Jahr in den USA Atticus getauft, so viele wie nie zuvor.

Zu gerne hätten Fans mehr von ihm gelesen, doch Autorin Harper Lee, die für „Wer die Nachtigall stört“ den Pulitzerpreis bekam, verweigerte sich standhaft jeder weiteren Veröffentlichung – bis jetzt. Mit „Go Set a Watchman“ („Gehe hin, stelle einen Wächter“) ist nach mehr als 50 Jahren erstmals wieder ein Buch der 89 Jahre alten und gesundheitlich schwer angeschlagenen Schriftstellerin erschienen.

Nach der englischen Originalfassung liegt nun auch die deutsche Fassung in den Buchläden. Geschrieben hat Lee den Roman allerdings schon vor „Wer die Nachtigall stört“ – es ist eine Art erster Entwurf für den Bestseller. Das Manuskript galt jahrzehntelang als verschollen und ist kürzlich wiederentdeckt worden.

Schon vor der Veröffentlichung wurde der Roman als mit Spannung erwartete literarische Sensation gehandelt. Beim ersten Lesen zeigten sich viele Kritiker und Fans allerdings schockiert: „Gehe hin, stelle einen Wächter“ ist etwa 20 Jahre nach „Wer die Nachtigall stört“ angesiedelt. Scout ist eine junge Frau, die sich inzwischen Jean Louise nennt und in New York lebt. Ihr Bruder Jem ist tot. Und Vater Atticus Finch – und das dürfte für die meisten Fans wohl der größte Schock sein – ist zum Rassisten geworden, der ein Treffen des Ku-Klux-Klans besucht und sich abfällig über Afro-Amerikaner äußert.

Mehr als ein halbes Jahrhundert nachdem es geschrieben worden ist, erscheint „Gehe hin, stelle einen Wächter“ in einer Zeit, in der in den USA viele Bürger gegen übermäßige Polizeigewalt und nach wie vor allgegenwärtigen Rassismus auf die Straße gehen. Das Buch ist brandaktuell und bietet reichlich Diskussionsstoff.

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