Leipziger Buchmesse
Spurensuche in Osteuropa

Das Autorenspecial des Literarischen Colloquium Berlin ist zum festen Bestandteil der Leipziger Buchmesse geworden. 2008 heißt das Thema: „Stadteinsichten – Akzeptanz und Aggression in der urbanen Gesellschaft“. Noch bis Sonntag erzählen sieben Schriftsteller aus dem manchmal gewaltätigen Leben in verschiedenen europäischen Städten.

BERLIN. Es ist eine lieb gewordene Tradition, die Leipziger Buchmesse zum Schaufenster internationaler Literatur zu machen. Treibender Motor dabei ist das Literarische Colloquium Berlin, das Jahr für Jahr ein Autorenspecial auf der Messe veranstaltet.

Diesmal haben sieben Schriftsteller Essays verfasst, die sie bis zum Sonntag im „Café Europa“ auf dem Messegelände vortragen. „Stadteinsichten“ heißt dieses Programm, das weniger die große Politik als vielmehr das oft monotone und manchmal gewalttätige Leben in den Städten des Kontinents beleuchtet.

Das Leben in Bukarest etwa, „einer der gewalttätigsten urbanen Agglomerationen der Welt“, wie Mircea Cartarescu schreibt. „Im Teufelskreis der Gewalt“ heißt sein Text, eine Analyse subtiler Grausamkeiten. Zweieinhalb Millionen Einwohner, in heruntergekommenen Wohnblocks lebend. Umweltverschmutzung, Staub, das Zentrum Bukarests „unglaublich ruiniert“, der Himmel „trüb und depressiv, von unendlicher Melancholie“.

Dort wurde Cartarescu 1956 geboren. Sein erster Roman „Nostalgia“ durfte erst nach der Revolution unzensiert erscheinen. „Die Kommunisten“, schreibt er, „hatten sich vorgenommen, den neuen Menschen zu bilden, was ihnen größtenteils auch gelungen ist.“ Der Mensch wurde zur manipulierbaren Figur, Verursacher und Opfer urbaner Gewalt. Oft ist es Wort-Gewalt, ausgelebt etwa von einem Taxifahrer. „Aus seinem hasserfüllten Gerede erfährt man, dass ,die Frau kein Mensch ist’, ,der Zigeuner immer Zigeuner bleibt, selbst zu Ostern’, dass er die Homosexuellen aufhängen und die Juden wieder nach Auschwitz schicken würde.“

Der Leser schluckt bei solchen Sätzen. Nüchtern, authentisch trägt Cartarescu sie vor. Er schreibt mit bitterer Erkenntnis: Chauvinismen, Klischees, Intoleranz und Aggression werden sich übertragen – „von Generation zu Generation“.

Kleiner als Bukarest und dem ersten Anschein nach bedeutungslos ist die polnische Stadt Tychy. Ein künstlich angelegtes Monumentalwerk des Sozialismus, nach dem Krieg erbaut auf Wiesen und Feldern. Will man dort leben? „Nein“ wäre die zu erwartende Antwort. Als „Ja“ lässt sich Michal Witkowskis Beitrag lesen. Sein Stück heißt „Der Sexappeal vergangener Zeiten“. Städte wie Tychy „gewinnen wieder an Attraktivität“, lautet seine These.

Witkowski, 33, gehört zu den jungen polnischen Autoren. Sein erster Roman erschien 2001. Er selbst lebt und arbeitet in der Hauptstadt, neidisch in die architektonische Provinz blickend. „Einer wie ich, der in einer Warschauer Plattenbausiedlung wohnt … darf nicht einmal träumen von Schulen, Krippen oder Kindergärten.“ Einrichtungen, wie sie die Planer in Tychy selbstverständlich berücksichtigt haben.

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