Lempertz
Klassische Moderne erzielt Toppreise

Beim Auktionshaus Lempertz gibt es weit und breit keine Absatzkrise. Ein Nagelbild von Günther Uecker ist bei den Kunden heiß begehrt – die Verkäufer erzielen gute Preise.
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KÖLN. Die Überraschung der Lempertz-Auktionen von Fotografie, moderner und zeitgenössischer Kunst (4./5.12.) ist nicht, dass sich herausragende Gemälde von Liebermann, Jawlensky und Co. gut absetzen lassen. Staunen macht, dass die Zeitgenossen das Gesamtergebnis mit 45 Prozent stützen, dass sich ein neues, junges Publikum zeigt und dass es sogar einen Weltrekordpreis zu vermelden gibt. Ein weißes, quadratisches Nagelbild o.T. von Günther Uecker war von Bietern aus Belgien und Russland begehrt. 350 000 Euro (brutto, Taxe 100 000) musste deutscher Handel aufbieten, um sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen.

Kaum eine Spur von Absatzkrise bei Zeitgenossen. So liegt das Gesamtergebnis (brutto, ohne Mwst., Folgerecht) mit 10 Mio. Euro – auch ohne millionenschwere Offerten – um 34 Prozent höher als im Frühjahr 2009. Der Herbst 2008 hatte 9,4 Mio. Euro gebracht.

Zero-Kunst ist wieder gesucht

Es ließen sich aber nicht nur alle Licht-und-Schatten-Spiele Ueckers flüssig absetzen. Auch frühe Arbeiten von Heinz Mack fanden die Anerkennung. 55 000 Euro investierte ein belgischer Sammler in ein schwarz-weißes Streifenbild von 1957 (20 000/30 000). Von der Zero-Nachfrage konnte auch Enrico Castellani profitieren. Das blaue Stoffrelief „Superfice“ von 1960 übernahm ein Bieter aus Wien für 196 000 Euro. Die Variation in Schwarz aus dem Jahr 1997 sicherte sich derselbe Kunstfreund ebenfalls zur unteren Taxe für 147 000.

Wie Zero ist auch die Art Informel – die abstrakte Kunst, die den spontanen Malgestus feiert – wieder gefragt. Sieben Bieter rangelten sich um Emil Schumachers große Mischtechnik auf Holz „Tangun“ von 1988, die sich ein südwestdeutscher Sammler für 233 000 Euro zuschlagen ließ. Karl Otto Götz’ Biennalebild „ILD-FEIT“ von 1957 übernahm deutscher Handel für 86 000 Euro. Gegen acht Bieter hatte sich eine Kölner Händlerin für Konrad Klaphecks frühes Bild „Die Erben“ durchzusetzen. Statt der geschätzten 50 000/60 000 Euro waren für Klaphecks hintergründiges Zahlenbild 202 000 Euro nötig.

Das selten im Handel offerierte Multiple „Apparat, mit dem man eine Kartoffel umkreisen kann“ vom Spaßvogel Sigmar Polke hat einen Preis-Höhenflug hinter sich. Die dadaistische Konstruktion von 1969, die vor ein paar Jahren noch für 15 000 zu haben war, kostete einen New Yorker Händler jetzt gegen französisches Gebot 91 000 Euro. Ohne Gebot blieben hingegen die Skulpturen von Hrdlicka und Immendorff. Für Kabakovs Fliegeninstallation hob sich keine Bieterhand, sie geht vielleicht noch im Nachverkauf weg. Norbert Biskys modisch-monumentale „Rollschicht“ blieb auch liegen. Für eine braun-rot gehaltene Abstraktion (2004) vom Marktliebling Gerhard Richter war hingegen ein rheinischer Sammler bereit, 307 000 Euro einzusetzen. Es sind die kunsthistorisch durchgesetzten Positionen, die das Rennen machen.

Das höchste Moderne-Gebot galt Jawlenskys sehr gut erhaltenem „Blumenstilleben“ von 1910, das durch Komplementärkontraste strahlt. Konzentrierte Gebote von zehn Interessenten, darunter auch Russen, schieben den Aufrufpreis von 150 000 schrittweise auf 640 000 (brutto 785 000). Pausen treten nur dann ein, wenn die Leitung zu einem Telefonbieter nicht zustande kommt oder sich ein Bieter lange Bedenkzeit nimmt. Den Zuschlag erhielt schließlich eine rheinische Privatsammlung. Der „Mystische Kopf“ von Jawlensky erlöste 257 000 Euro, sein pastoses Rosenbild stattliche 98 000 Euro. 368 000 Euro bewilligte eine hessische Sammlerin für Max Liebermanns „Kirchgang in Laren“, 405 000 telefonisch bietender Handel für eines der frühesten Seestraßenbilder.

Wer hier bietet, spekuliert nicht

Heftiges Bieten entbrannte zwischen drei Kennern um Edmund Kestings fein austarierte Assemblage aus dem Jahr 1924. Erst bei 37 000 Euro kam der Berliner Galerist Hendrik Berinson zum Zuge. Stimmung kam auch auf, als fünf Gemälde der polnischen Malerin Maria Mela Muter zum Aufruf gelangten. Als für ein Frauenporträt von 1930 bei 28 000 verspätet noch ein Telefongebot abgegeben wird, akzeptiert es Auktionator Henrik Hanstein. Da gibt Bieter Elham Setareh, der Teppich-Experte von der Düsseldorfer Kö, im Saal durch Nicken zu verstehen, dass er noch einen Schritt weitergeht. Fünf internationale Bieter hat er abgehängt und einen Endpreis von 37 000 Euro akzeptiert. Auch bei Muters Landschaft setzt sich Setareh durch (33 000 Euro). Setareh & Söhne hat jüngst auf der Cologne Fine Art mit feiner Malerei und edlen Teppichen Aufmerksamkeit erregt.

Vor einem Jahr wollte es keiner haben, jetzt fand das Sommerabendbild Klotzsche von Felixmüller für 245 000 Euro einen Käufer. Ganz erstaunlich hohe 129 000 Euro erzielte das posthume Gipsrelief „Bauplastik R“ von Oskar Schlemmer. Edouard Vuillard farbsprühender Rittersporn-Geranienstrauß ging für 141 000 in österreichischen Handel. Ohne Gebot blieben kleine Liebermanns, Corinths Atelierblick, Max Ernsts „Vorsatzpapier“ und Pechsteins Bronzebildnis. Privatsammler mit Kennerblick und bildungsbürgerlichem Hintergrund, nicht Spekulanten, haben sich in hier engagiert. Sie sind wie die vielen ausländischen Bieter zwischen Südamerika und Osteuropa die Stützen der Auktion.

www.lempertz.com


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