Lempertz
Niedrige Schätzpreise verlocken zu hohen Geboten

Eine gute Figur macht Lempertz mit seinem Angebot Alter Meister. Niedrige Schätzpreise verleiten zu heftigen Bietgefechten. Doch zu teuer geschätzte Kunstwerke fallen durch.  
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KölnGanz locker bleiben, dachte sich der Einlieferer des stark angeschmutzten "Stilllebens mit Zitrone", als er beim Kunsthaus Lempertz vorstellig wurde. Er akzeptierte nicht nur den günstigen Schätzpreis, sondern verordnete dem kleinen niederländischen Meisterwerk vor der Altmeister-Auktion auch gleich noch eine Reinigung. Die Empfehlung der Lempertz-Expertin Mariana Mollenhauer de Hanstein zahlte sich aus. 

Zum Vorschein trat nicht nur ein vielversprechendes Monogramm, sondern auch eine überraschend qualitätvolle Malerei. Bei 5000 Euro rief es Lempertz-Inhaber Henrik Hanstein am 14. Mai auf, ratterte die nächsten Bietschritte dank mehrfacher Vorgebote herunter und ließ 15 Telefonbieter zum Zuge kommen. Bei 30.000 Euro war für die meisten von ihnen die Schallgrenze erreicht. Was folgte, war ein zäher Kampf, in den sich überraschend bei 48.000 ein neuer, im Saal sitzender Bieter einschaltete. Das Publikum hielt den Atem an und konnte es kaum fassen, als bei 54.000 Euro ein zweiter Interessent den Finger hob. Schluss war erst bei 79.200 Euro (mit Aufgeld), die ein englischer Händler bewilligte. 

Es war das mit Kalkül "Unterschätzte", das Preiskarriere machte, nicht die teuren Toplose, von denen einige nun ihren Einlieferern aufgrund der unter Vorbehalt erteilten Zuschläge Kopfschmerzen machen. 4,8 Millionen Euro (Vorbehalte u. Nachverkäufe eingerechnet) nahm Lempertz mit "Alter Kunst" ein. 

Noch ein Niederländer brachte das Publikum zum Staunen: eine originelle, "Eisvergnügen" betitelte Winterlandschaft, die nach dynamischem Bietkampf für 91.200 Euro in deutschen Handel ging. Auch dieses vielfigurige Querformat war stark verschmutzt, sein Schätzpreis mit 5000 bis 7000 Euro bewusst niedrig angesetzt. Hanstein hatte es mit niederländischen Kollegen als "in der Art" des Denis van Alsloot (ca. 1570 - ca. 1628) katalogisiert. 

Die Lehre daraus ist für viele Einlieferer nicht einsehbar. Animiert von den starken Preisen für Alte Meister versuchen viele Bieter, möglichst hohe Schätzpreise durchzusetzen. "Doch es gibt deutlich mehr Fälle, in denen das zu teuer Geschätzte liegenbleibt als umgekehrt", gibt die Expertin zu bedenken. 

Eine Ausnahme machte der deutsche Rekordpreis für Jan Lievens nicht signierte und restaurierungsbedürftige Charakterstudie einer alten Frau ("Tronie"). Aber auch hier wurde langsam und nicht heftig gerungen. Ein spanischer Sammler setzte sich telefonisch gegen drei weitere Telefon- und mindestens einen Saalbieter durch und bewilligte 600 000 Euro (Taxe 200.000 bis 300.000). Vor 241 Jahren wurde das Profilbildnis schon einmal versteigert - für 31 Gulden. 

Verhoben hatte man sich mit der Taxe von 600.000 bis 700.000 Euro für Pieter Brueghels d. J. "Versuchung des Hl. Antonius". Da half auch die von einem eigens angeforderten naturwissenschaftlichen Gutachten gestützte Expertise von Klaus Ertz nichts. Bei 624.000 Euro, geboten von einem französischen Sammler, war bereits Schluss. Der Aufrufpreis hatte bei 480.000 Euro gelegen. Unter Vorbehalt zugeschlagen wurde auch Lucas van Valckenborchs imposanter "Turmbau zu Babel", für den der Hammer nicht zu den geschätzten 400.000 bis 500.000 Euro, sondern schon bei 360.000 Euro fiel (432.000 Euro inkl. Aufgeld). 

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