Leopold Museum
Häuser mit Substanz

Die Rückgabe von Kunst, die im Nationalsozialismus beschlagnahmt wurde, kostet das Wiener Leopold Museum viel Geld. Deshalb muss es sich von wertvollen Werken trennen.
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WienMitte der 50er-Jahre, als der soeben promovierte Mediziner Kunst zu sammeln begann, hatte Rudolf Leopold auch das Restaurieren erlernt. Des obsessiven Hangs zur Perfektion wegen, weil sein Farbgefühl eben ein ausgeprägtes sei und schlechte Retuschen entbehrlich, wie sein Sohn Diethard in der 2003 publizierten Biografie beschrieb. Sieben mal einen Zentimeter misst jenes Segment, das für Egon Schieles Gemälde „Häuser mit bunter Wäsche (Vorstadt II)“ unter der UV-Lampe zweifelsfrei Retuschen jüngeren Datums deklariert. So beschreibt es der offizielle Zustandsbericht von Sotheby’s.

Ob Leopold selbst Hand anlegte oder jener Fachmann, der die meisterliche Leinwand neu doublierte ist nicht bekannt. Der originale Keilrahmen fiel letzterer Maßnahme zum Opfer, da das Bild an den Rändern gleichzeitig um einen knappen Zentimeter vergrößert wurde, damit die so gewonnenen Millimeter original bemalter Leinwand fortan nicht vom Rahmen verdeckt bleiben. Ein nachträglicher Eingriff, der nicht jedem Sammler behagt und bei der Erwägung eines Kaufs durchaus das Zünglein an der Waage (gewesen) sein könnte.

Der Zuschlag erfolgte exakt zum Limit 

Nicht nur deshalb war die angesetzte Taxe von umgerechnet 25,3 bis 34,5 Millionen Euro eine ambitionierte um nicht zu sagen überzogene. Einerseits dürfte Sotheby’s mit dem „unwiderruflichen Vorausgebot“ von netto 25,3 Millionen gepokert haben, um die gut vermarktbare Einlieferung an Land zu ziehen und damit Konkurrent Christie’s aus dem Feld geschlagen haben. Andererseits folgte es dem Diktat des einliefernden Leopold Museums, die mit dem 1914 gemalten Werk einiges zu finanzieren haben.

Der am 22. Juni erteilte Zuschlag war exakt das Limit und sehr wahrscheinlich zugunsten jener „dritten Partei“, die dieses Mindestgebot im Vorfeld garantiert hatte. Zuzüglich der Provision des Auktionshauses, an der das Museum wohl über das „Give-Back“-Modell prozentuell mitnaschen dürfte, listet der neue Künstlerweltrekord bei 27,63 Millionen Euro.

Liste an verzichtbaren Werken

Ein knappes Jahr nach der Einigung mit den Erben nach Lea Bondi-Jaray ist die Rückkehr des Bildnisses „Wally“, das 1998 in New York beschlagnahmt worden war, damit refinanziert. 19 Millionen Dollar oder umgerechnet 15 Millionen Euro, für die man einen Kredit bei der Raiffeisenbank aufgenommen hatte: Laufzeit drei Jahre, in den ersten zwölf Monaten zinsfrei.

Der Verkauf einiger Arbeiten aus dem Bestand soll Geld in die ausgedünnten Kassen bringen. Rechtlich sei das auf Basis eines Gutachtens zulässig, sofern es um solche Werke geht, die den substanziellen Kern der Sammlung nicht gefährden bzw. deren daraus erzielter Erlös ebendiesen erhalten würden. Witwe Elisabeth Leopold zufolge habe noch ihr Ehemann eine Liste erstellt, gereiht nach Verzichtbarem und nur in der Not Veräußerbarem, zehn Arbeiten auf Papier von Egon Schiele insgesamt. Schnell war klar, dass diese Kalkulation nicht funktionieren kann, weil man für den benötigten Etat wohl eine viel größere Menge an Papierarbeiten Egon Schieles auf den Markt werfen hätte müssen.

„Wally“ häufte einige Rechtskosten auf

Zum einen hatte das Bildnis „Wally“ im Laufe der Jahre einiges an Rechtskosten angehäuft (rd. 4 Mio. Euro), zum anderen benötigte man Budget für andere Vergleiche. Denn, das hatte Sohn Diethard signalisiert, der bisher formaljuridische Standpunkt, als Privatmuseum nicht dem Kunstrückgabegesetz zu unterliegen, wäre Geschichte, sachlichen Verhandlungen und möglichen Einigungen gehöre die Zukunft. Das Anfang 2010 seitens des Ministeriums bestellte Gremium unter der Leitung von Nikolaus Michalek stufte bislang elf Werke im Bestand des Museums als restitutionswürdig ein, die nun schrittweise auf der Tagesordnung des Stiftungsvorstands stehen.

Übereinkommen sichern den Verbleib weiterer Werke

Aktuell kündigte das Leopold Museum zwei weitere Übereinkommen an, die den weiteren Verbleib von insgesamt fünf Werke von Anton Romako sichern sollen, mit den in Tschechien lebenden Erben nach Moric Eisler und mit den Erben nach Oskar Reichel.

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