Lesetipp für die Ferien
Abgründe und angsteinflößende Szenarien

Zwei neue Thriller spielen mit Urinstinkten und zeichnen gleichzeitig ein ziemlich wirklichkeitsgetreues Bild der deutschen Gesellschaft. „Sorry“ ist ein Roman über Missbrauch. Und darüber, dass jene, die es betrifft, keine Worte für die Schmerzen finden, die sie erleiden mussten. Der zweite Krimi ist ein Buch zur Krise: Deutschland 2019. Weite Teile der Bevölkerung sind verarmt.



DÜSSELDORF. Du bist er. Der Täter. Das ist der Trick. Eine Formalie. Aber gekonnt. „Du treibst den Nagel mit einem präzisen Schlag durch ihren Stirnknochen.“ Das sitzt. Der Auftakt des Thrillers „Sorry“ ist drastisch. Ein Herzschlagbeschleuniger. Später ist die Gewalt nicht mehr so brutal anschaulich, aber nicht weniger schmerzhaft. Zwischen den Zeilen.



„Sorry“ ist ein Roman über Missbrauch. Und darüber, dass jene, die es betrifft, keine Worte für die Schmerzen finden, die sie erleiden mussten. Zoran Drvenkar pflegt einen abgründigen Horror, der Nervenstärke erfordert. Kris, Wolf, Frauke und Tamara, alle um die 30, haben eine Geschäftsidee: Sie entschuldigen sich gegen Cash für die Verfehlungen anderer. Dass sich mit diesem Geschäftsmodell ein kleines Vermögen machen lässt, spricht nicht für unsere Lebenswelt – und programmiert das Extrem: Lars Maybach fordert die Jungunternehmer nicht nur auf, sich bei einer Leiche zu entschuldigen; sie sollen die tote Frau zudem beseitigen. Und weil Maybach etwas gegen die vier in der Hand hat, verstricken sie sich in einem Netz aus Schuld und Naivität, Ohnmacht und Vergeltung.

Das Grundthema von „Sorry“ ist so alt wie das Verbrechen: Wo Untat geschieht, da ist Rache nicht weit. Missbrauch, Freundschaft, Schuld, Vergebung und Selbstjustiz soufflieren die Story. Der Roman hält unserer Gesellschaft den Spiegel vor. Begriffe wie Schuld und Vergebung lassen sich dehnen. Abweichung liegt nur um Haaresbreite neben der Norm. Opfer mutieren zu Tätern. Und Täter sind Opfer. Grau statt Schwarz-Weiß.

Der Thriller ist von erschreckender Aktualität. Denn kann eine Gesellschaft ernsthaft darüber diskutieren, ob sie Internetseiten mit kinderpornografischem Dreck gesperrt wissen will oder nicht? Zoran Drvenkar hat sich als Kinder- und Jugendbuchautor einen Namen gemacht. Als Autor von Spannungsliteratur entwickelt er nun ein geradezu internationales Format. „Sorry“ gehört zum Besten, was der deutschsprachige Thriller derzeit zu bieten hat. Sorry, Andrea Schenkel, aber da kann „Bunker“, das es wieder einmal umgehend auf die Spiegel-Bestsellerlisten geschafft hat, nicht mithalten.

Der zweite Krimi ist ein Buch zur Krise: Deutschland 2019. Weite Teile der Bevölkerung sind verarmt. Das Sozialsystem steht vor dem Kollaps. „Können wir es uns finanziell leisten, dass der Staat Millionen von Arbeitsunfähigen und Arbeitsunwilligen weiter am Leben erhält?“ – die Frage stellen sich all jene, die noch einen Job haben. Freilich nur rhetorisch. Die Lösung: Axxidyzin.

Was das ist? Volker Kühn, einst erfolgreicher Kundenberater, verliert seinen Job wegen einer Erkrankung und findet sich schließlich in einer Klinik wieder. Dort entwickelt er plötzlich einen Ausschlag, und es wird zur Gewissheit, was lange als Gerücht galt: Unbekannte spritzen Hilfeempfängern Gift! Kühn bleiben keine 24 Stunden, um das Gegenmittel zu organisieren und die Hintermänner zu enttarnen.

Andreas Laudan konstruiert einen Wettlauf gegen die Zeit, lässt Kühn aus der Klinik fliehen, die Häscher stets im Nacken. Der Krimi, dessen Figuren leider sehr schablonenhaft angelegt sind, spielt geschickt mit den Ängsten einer vom Abstieg bedrohten Mittelschicht.

ZORAN DRVENKAR:
Sorry Ullstein, Berlin 2009, 397 Seiten, 19,29 Euro

ANDREAS LAUDAN:
Pharmakos dtv, München 2009, 254 Seiten, 8,95 Euro

Thomas Ludwig
Thomas Ludwig
Handelsblatt / EU-Korrespondent
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