Lewis Baltz
"Ich hoffe, dass diese Fotos steril sind"

Nüchtern klare Bestandsaufnahmen sind typisch für den amerikanischen Kamerakünstler Lewis Baltz. Das gilt für seine Serien minimalistischer Schwarzweißfotografien ebenso wie für seine großformatigen Tableaus in Farbe. Am Anfang waren es banale amerikanische Siedlungen, die Baltz mit seinen kleinformatigen Fotos unsterblich machte. Seit den neunziger Jahren arbeitet er zunehmend auch mit Video- und Überwachungsaufnahmen. Auf den Markt entlässt der Künstler seine Arbeiten nur in sehr kontrolliertem Umfang.
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BonnLewis Baltz tat alles, um seinen Fotografien auch den letzten Hauch von Gefühl zu rauben. „Ich hoffe, dass diese Fotos steril sind, es da keine emotionellen Inhalte gibt“, sagte er einmal über seine 1976 entstandene, 25-teilige „Maryland-Serie“. Er ging noch weiter und brüskierte die Anhänger der klassischen Schwarzweißfotografie mit verblichenen Himmeln und versoffenen Schatten. Konnten amerikanische Vorortlandschaften noch trostloser porträtiert werden?

1975 nahm Lewis Baltz, Jahrgang 1945, an der stilprägenden „New Topographics“-Ausstellung im George Eastman-House in Rochester teil. Seither wird er mit jenem nüchternen, zum Dokumentarischen tendierenden Stil identifiziert, mit dem in den frühen Siebzigern Fotografen wie Steven Shore oder Robert Adams amerikanische Brachlandschaften, Industriegebiete und Vorort-Siedlungen ins Bild setzten. Das Kunstmuseum Bonn zeigt nun, wie dramatisch sich das Werk des Künstlers wandelte und er trotzdem seinen Themen treu blieb.

Dokumentarfotografie als Missverständnis

„Lewis Baltz ist von allen der komplexeste“, sagt sein deutscher Galerist Thomas Zander über den Künstler, der Mitte der achtziger Jahre damit begann, das Konzept einer distanzierten, seriell angelegten und stets als Block gehängten Fotografie aufzuweichen. Zuerst waren es nur einzelne Farbfotografien, die er in die nach wie vor schwarzweiß dominierten Serien einstreute, wobei er innerhalb der Serie durch paar- oder gruppenweise Zuordnungen von Bildern Zusammenhänge bzw. Ensembles stiftete. Dieser erste Schritt auf dem Wege zu einer immer rigideren Akzentuierung des Einzelbildes ist in Bonn an der Präsentation der 84-teiligen Serie „Candlestick Point (1984-88)“ schön abzulesen.

Warum Lewis Baltz noch immer das Etikett der „Dokumentarfotografie“ anhängt, hat viel mit dem deutschen, vielleicht sogar europäischen Unwissen über die amerikanische Fotokunst zu tun. Zu einfach macht man es sich, wenn man ihn in der Schublade der legendären „New Topographics“ ablegt. Dabei hatte der Künstler selbst schon 1992 gesagt, er habe 1988 damit aufgehört, das „Territorium“ zu fotografieren, weil er dachte, dass inzwischen wohl jeder genug über das Erscheinungsbild der Welt wissen würde. Anstelle von Landschaften und Architektur als Produkten industrieller Zivilisation nahm Baltz ab den neunziger Jahren Technologien in den Blick.

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