Liberaler Weltbürger
Soziologe Ralf Dahrendorf ist tot

Er war einer der profiliertesten Denker: Der deutsch-britische Soziologe und Politiker Lord Ralf Dahrendorf ist tot. Er starb am Mittwochabend nach schwerer Krankheit im Alter von 80 Jahren in Köln.

BERLIN. Dahrendorf galt als einer der wichtigsten Vertreter einer liberalen Gesellschafts- und Staatstheorie und prägte die Entwicklung der deutschen Nachkriegssoziologie maßgeblich. Bis zuletzt hat Dahrendorf als Intellektueller, Autor, Publizist und Zeitdiagnostiker gewirkt. Seinen 80. Geburtstag Anfang Mai feierte Dahrendorf, von Krankheit schon gezeichnet, inmitten akademischer Freunde in Oxford. Mit Denkern wie Jürgen Habermas, Fritz Stern, Anthony Giddens, Timothy Garton Ash diskutierte er dort über die Freiheit des Einzelnen, Freiheit des Gesellschaftsbürgers und die des Staatsbürgers. In seinem letzten Buch, „Versuchungen der Unfreiheit“ (2006), entwickelte Dahrendorf an Beispielen postheroischer Heldenfiguren eine Art politische Tugendethik. Seine ersten Bücher, „Soziale Klassen und Klassenkonflikte in der industriellen Gesellschaft“ (1957), „Homo Sociologicus“ (1961) und „Gesellschaft und Freiheit“ (1961), sind inzwischen zu Klassikern geworden.

Erst jüngst noch wirkte er an einem Abschlussbericht einer Zukunftskommission für das Land Nordrhein-Westfalen mit. Unter seiner Leitung arbeitete Telekom-Chef René Obermann, Thyssen-Krupp-Vorstandschef Ekkehard Schulz und CDU-Politiker Friedrich Merz an einer Vision für das Land im Jahr 2025.

Die spannendsten Fragen in dem Bericht zeigen auch sein fortschrittliches Selbstbewusstsein, alte Zöpfe abzuschneiden. Dahrendorf hob Themen auf die Tagesordnung, die für andere als Tabu gelten: einen allgemeinen Sozialdienst statt Wehrpflicht, den Bau eines Atomkraftwerks in NRW, die Einführung eines garantierten Grundeinkommens.

Dahrendorf bewegte sich immer in mehreren Welten – in England und Deutschland, in der SPD und dann in der FDP. Einige Jahre als Abgeordneter im Bundestag, dann als Staatssekretär im Auswärtigen Amt und Mitglied der Kommission der Europäischen Gemeinschaft. Später kehrte er als Direktor der London School of Economics in die Wissenschaft zurück. Die Politik verlor damit den letzten einflussreichen Intellektuellen in ihren Reihen.

Seine akademische Karriere war imposant. Der Philosoph und Altphilologe schrieb seine Doktorarbeit über Marx, mit 26 Jahren war er bereits habilitiert und hängte an der London School of Economics einen PhD im Fach Soziologie an. Kurz danach wurde er als jüngster Ordinarius nach Tübingen berufen. Der gebürtige Hamburger Dahrendorf war Doppelstaatler und saß als Baron of Clare Market in der City of Westminster, seit 1993 im britischen Oberhaus.

In all den Jahren formulierte Dahrendorf Fragen über Staat und Gesellschaft, setzte sich mit Solidarität, Bildung und Freiheit auseinander und begleitete die europäische Einigung. In der Finanzkrise forderte Dahrendorf einen „Kapitalismus der Verantwortung“. FDP-Chef Guido Westerwelle würdigte Dahrendorf als „einen liberalen Weltbürger und einen der ganz großen Intellektuellen Europas“. Nach Angaben der „Badischen Zeitung“, für die Dahrendorf als Berater gearbeitet hatte, wird die Beerdigung voraussichtlich in London stattfinden.

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