Lietratur - Die neue Weltordnung
Das Ende der liberalen Träume

Die Geschichte ist zurück, sagt der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Kagan. Und mit ihr kommt die Rivalität zwischen Demokratie und Autokratie. Im Gespräch mit dem Handelsblatt erläutert der Berater des republikanischen Präsidentschaftsberaters John McCain exklusiv, warum sich die Demokratien zusammentun müssen.

Vor fünf Jahren prägte der US-Kolumnist und Politologe Robert Kagan einen Satz, der ihn mit einem Schlag berühmt machte: "Amerikaner sind vom Mars, Europäer von der Venus." Das war zwar eine ziemlich schematische Analyse der Unterschiede zwischen Europa und Amerika. Die USA und die EU hätten sich auseinandergelebt, lautete die zentrale These. Vor dem Hintergrund des Irak-Kriegs war Kagan jedoch größte Aufmerksamkeit sicher. Quasi über Nacht erwarb er sich den Ruf, einer der scharfzüngigsten und klügsten Neokonservativen zu sein.



Nun legt der 49-Jährige einen neuen Essay vor. In seinem Buch "Die Demokratie und ihre Feinde", das nächste Woche in Deutschland erscheint und das Kagan in Berlin, Hamburg und München vorstellt, geht es jedoch nicht mehr um Mars und Venus. "Die Kluft zwischen Amerika und Europa gibt es immer noch, aber sie ist nicht mehr das relevanteste Thema der Gegenwart", sagt Kagan beim Gespräch in Brüssel, wo er noch bis zum Sommer lebt. "Es tut sich eine viel tiefere Kluft auf: die zwischen den demokratischen Staaten und den Autokratien."



Die Geschichte ist nicht zu Ende, wie es Francis Fukuyama 1992 prophezeit hatte, sie ist zurück - so heißt auch der englische Titel von Kagans neuem Buch, der die spannenden Überlegungen besser bündelt als der deutsche: "The Return of History and the End of Dreams". Und mit der Geschichte sind zwei neue Player aufgetaucht, die um Vorherrschaft konkurrieren: Russland und China. Die beiden neuen Großmächte versuchen nicht nur, die Geopolitik des 19. Jahrhunderts wiederzubeleben. Sie widerlegen auch die vor allem in den USA verbreitete These, Liberalisierung und Globalisierung würden über kurz oder lang zu Demokratisierung und einer neuen, liberalen Weltordnung führen.



Nach dem Ende des Kalten Krieges habe er selbst eine Zeit lang an Fukuyamas Traum geglaubt, räumt Kagan freimütig ein. Ideologische Konflikte und der Egoismus der Nationalstaaten schienen überwunden, ein friedliches Zeitalter schien anzubrechen - bis 9/11 und der Kosovo-Konflikt träumende Idealisten weckten. Heute gibt es wieder Großmachtansprüche, weltweit nationalistische Bestrebungen, und die alte Fehde zwischen radikalen Islamisten und der modernen Gesellschaft ist neu aufgeflammt. Kagan gibt sich lakonisch: "Die Welt erlebte keinen tiefgreifenden Wandel, sondern lediglich eine Pause im endlosen Konkurrenzkampf der Nationen und Völker."



So weit, so banal. Im "alten Europa" war der Glaube an die schöne, postmoderne Welt der Liberalisierung und Demokratisierung ohnehin nie so ausgeprägt wie in den Denkfabriken von George W. Bush. Seit Hobbes und Macchiavelli wissen die Europäer, wie tief Macht- und Prestigedenken im menschlichen Wesen verankert sind. Doch Kagan treibt seine Analyse weiter - in eine unerwartete, provozierende Richtung. Die größte Gefahr gehe weder von Islamismus und Terrorismus noch vom neu entbrannten Wettstreit um die Energiereserven aus, sagt er nun.



Der Westen müsse sich vielmehr auf eine Konfrontation mit den "Autokraten" in Moskau und Peking einstellen. "Der dramatischste Wandel vollzog sich in Russland", warnt Kagan. Während das Land noch in den 90er-Jahren auf den Westen zuging, sei es unter Präsident Wladimir Putin zu einer radikalen Kehrtwende gekommen. Putin habe das Land zu einer autoritären Großmacht gemacht - mit weitreichenden Folgen: Zwar sei noch keine Rückkehr zum Kalten Krieg zu befürchten. Der Westen müsse sich jedoch auf militärische Konflikte etwa um die Ukraine oder um Georgien gefasst machen. Doch derzeit sei nicht sicher, ob die USA oder die EU zu einer solchen Konfrontation bereit seien.



Um Amerika macht sich Kagan, der den republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain unterstützt und für ihn Reden schreibt, noch die geringsten Sorgen. Die USA seien zwar geschwächt aus dem Irak-Krieg hervorgegangen und auch in wirtschaftlich schlechter Verfassung. Doch das Land habe sich schon von vielen Krisen erholt; die "unantastbare" Vormachtstellung der USA sieht Kagan nicht gefährdet. Ganz anders schätzt er - wie schon in seinem letzten Buch - Europa ein. Die EU habe in den letzten Jahren an Schwung, Selbstbewusstsein und Zuversicht verloren. Ob sie Russland Paroli bieten könne, sei unklar.



"Russland ist wieder zu einer traditionellen Macht des 19. Jahrhunderts geworden, das seine Ressourcen für politische Zwecke einsetzen will", sagt Kagan. Demgegenüber sei die Europäische Union mit der Überwindung der Nationalstaaten und ihrer "Soft Power" bereits im 21. Jahrhundert angekommen. "Die große Frage lautet nun: Ist Europa richtig aufgestellt, um mit dieser Herausforderung fertig zu werden?" Die Antwort, man ahnt es schon, wird negativ ausfallen - auch wenn Kagan sich hütet, sie jetzt schon zu geben.



Er will auf etwas anderes hinaus in seinem stilistisch äußerst lesenswerten Buch, auf ein Thema, das bereits im US-Wahlkampf anklingt und für das er demnächst höchstpersönlich in Washington werben möchte: Der freie Westen müsse sich zusammenschließen gegen die neue autoritäre Gefahr aus dem Osten. Er schreibt von einem "Konzert der Demokratien", einer Art Liga, in der die USA, Europa und wichtige Verbündete des Westens wie Indien, Brasilien oder Japan zusammenstehen. Er wisse schon, dass diese Idee in Europa kontrovers diskutiert werde, dass man in Brüssel lieber von der "multipolaren Welt" spricht und von der "strategischen Partnerschaft" mit Russland.



Doch Kagan glaubt nicht an die Partnerschaft mit Moskau, er hält nichts von einer neuen Ostpolitik und schon gar nichts von einer "multipolaren Welt". Etwas Ähnliches habe es ja schon im 19. Jahrhundert in Europa gegeben, und man habe ja gesehen, wohin es geführt habe - "zum Frieden jedenfalls nicht". Auch Uno und Nato seien für die neuen Herausforderungen nicht gewappnet. Die Uno sieht Kagan als Teil des Problems, weil sie Russland und China einschließt. Und in der Nato seien viele Demokratien gar nicht vertreten, gibt er zu bedenken.



Wie der "Bund der Demokratien" funktionieren soll, skizziert Kagan in seinem Buch nur vage. Vertreten sein sollten neben der EU und den nordamerikanischen Ländern asiatische und pazifische Nationen wie Japan, Australien und Indien sowie Länder wie Brasilien. Eines der Ziele sei es, die USA einzubinden, denn "Amerika kann es nicht allein".



Eins will er aber festhalten: Eine neokonservative Verschwörung sei das gewiss nicht. "Meine Ideen sind weder neu noch konservativ", betont Kagan und lacht: "Ich definiere mich als Liberalen alter Schule."



ROBERT KAGAN:



Die Demokratie und ihre Feinde.



Wer gestaltet die neue Weltordnung?



Siedler, München 2008,



128 Seiten, 16,95 Euro

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