Literatur
157 Kilometer deutsche Geschichte

Die Berliner Mauer war einst das Sinnbild für die unterschiedlichen politischen Weltanschauungen des Westens und des Ostens. Heute ist von dem damals rund 160 Kilometer langen Betonwall nicht mehr viel zu sehen. Umso mehr fordern kürzlich erschienene (Hör-)Bücher im deutschen Jubiläumsjahr eine Kultur der Erinnerung.

DÜSSELDORF. „Hört euch das an – was glaubt er, wer er ist.“ US-Präsident John F. Kennedy soll drei Tage nach Beginn des Mauerbaus am 13. August 1961 auf einen Brief Willy Brandts empört reagiert haben. Der damalige Berliner Bürgermeister hatte die USA aufgefordert, Flagge zu zeigen gegen die sozialistische Willkür im sowjetischen Sektor; die Untätigkeit des Westens könne „zu einem übersteigerten Selbstbewusstsein des Ostberliner Regimes“ führen. Doch den Gefallen tat Washington den Berlinern nicht. „Es ist keine besonders angenehme Lösung“, kommentierte Kennedy, „aber eine Mauer ist verdammt viel besser als ein Krieg.“

Heute gibt es von dem monströsen Bauwerk kaum mehr eine Spur in der Hauptstadt. „Mauerspechte“ machten Großes klein. Steine, Bröckchen, Platten wurden verkauft, versteigert, verschenkt, auch offiziell vonseiten der Bundesregierung – sogar US-Präsident Ronald Reagan selig („Mr. Gorbachev, tear down this wall“) durfte sich über geschichtsträchtiges Gestein freuen. Von 157 Kilometern Mauer rund um Westberlin stehen heute kaum noch zwei Kilometer – ein Armutszeugnis für die Erinnerungskultur hierzulande.

In diesem Jahr jährt sich der Fall des wohl bekanntesten Bauwerks des Kalten Krieges zum 20. Mal. Der britische Historiker Frederick Taylor und der Heidelberger Geschichtsforscher Edgar Wolfrum nehmen das zum Anlass, die Geschichte und Geschichten rund um Beton, Stacheldraht und Todesstreifen wach zu halten – zwei Bücher, ein Titel: „Die Mauer“.

Dass Kennedy im August 1961 weder einen Appell an die Vereinten Nationen sandte noch wirtschaftliche oder militärische Sanktionen gegenüber dem Regime im Osten in Erwägung zog, war laut Taylor „pure Realpolitik“. Kaltherzig bei wohlwollender Betrachtung, zynisch in den Augen der Westberliner. Sie standen der generalstabsmäßig ablaufenden Abriegelung ihrer Stadt fassungslos gegenüber. Traf Washington, Paris und London eine Mitschuld?

Washington zumindest verfolgte eine defensive Berlin-Strategie – dabei ging es nicht mehr um die gesamte Stadt, sondern nur noch um den Westteil. „Im Weißen Haus war man sich sicher: Der Mauerbau signalisierte, dass Chruschtschow (damaliger Kreml-Chef, d. Red.) nach jahrelangem Powerplay nachgab“, urteilt Wolfrum: „Denn würde man eine Mauer bauen, wenn man das Gebiet jenseits von ihr in Besitz nehmen möchte?“ Wohl kaum.

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