Kultur + Kunstmarkt
Literatur aus einem geteilten Land

Korea ist ein Land, dessen Teilungszustand selbst leidgeprüfte Deutsche ratlos lässt. Von kleineren Kommoditäten wie Transit, Westfernsehen und Dissidentenverlagen kann man in Korea nur träumen. Die Radios (Nord) sind auf den Staatssender programmiert, und wer 1950 den 38. Breitengrad nach Süden überschritt, hat seine Verwandten ein für allemal verlassen. Gemessen an dem eisernen Vorhang Koreas kann der deutsche höchstens aus Draht gewesen sein.

HB DÜSSELDORF. Das Trauma dauert an, seit mehr als einem halben Jahrhundert. Korea ist ein literarisches Land. Es ist das Partnerland der Buchmesse 2005. Nicht ein geteiltes Land ist zu Gast in Frankfurt, sondern ein halbes. Nordkorea hat abgesagt.

Südkorea ist ein Land, in dem viel geschrieben und viel gelesen wird. Ist die Literatur des kommunistischen Nordens zur Staatstreue verdammt, so kam ihr im Süden lange die Rolle der inneren Opposition zum Militärregime zu. Das Aufbegehren zwischen den Zeilen lockte Leser, ein Phänomen, welches sich in vielen Diktaturen beobachten lässt. Seit dem Ende des Regimes in den späten neunziger Jahren nutzen viele junge Schriftsteller die neue Freiheit des Wortes. Die Frauen holen auf, und an den Universitäten haben Kurse zum kreativen Schreiben Konjunktur. So entstand seit 1945 ein reicher Kanon, der sich vom Bruderkrieg bis hin zur Großstadtliteratur spannt.

Anders als in den Vereinigten Staaten oder in Japan wurde die koreanische Literatur in Europa nur zum Teil wahrgenommen. Vorreiter sind Frankreich, ein Land, welches auf Grund seiner Indochina-Vergangenheit besonders durchlässig ist, sowie die Schweiz, in der nach dem Vietnam-Krieg besonders viele Boat-People Zuflucht fanden.

Der wohl bekannteste zeitgenössische koreanische Autor ist Hwang Sok-yong, Jahrgang 1943. Auf Grund seiner Biografie, seiner politischen Beherztheit und des Ansehens, das er in Korea genießt, darf man ihn getrost als den Günter Grass des Landes bezeichnen. Geboren als Kind nordkoreanischer Eltern im Exil in der Mandschurei, wohnhaft und schreibend in Großbritannien, ist die Teilung Koreas sein drängendstes Thema. 1989 nahm er auf Einladung an einem Schriftstellerkongress in Nordkorea teil, eine Geste, die ihm zunächst vier Jahre Exil (Berlin, New York), dann noch einmal fünf Jahre Haft in Südkorea eingetragen hat.

Sein wohl bekanntester Roman, "Die Geschichte des Herrn Han", erschienen bereits 1972, liegt nun erstmals bei DTV in deutscher Übersetzung vor. Erzählt wird die Geschichte eines nordkoreanischen Arztes, der im Kriegswinter 1950/51 über den Grenzfluss Daedong in den Süden flieht. Seine Familie lässt er zurück. Die Trennungsszene, es schneit, über den Daedong treiben Eisschollen, gilt als Schlüsselszene der koreanischen Gegenwartsliteratur: "Der Anblick, wie seine Frau sich mit den Kindern durch den Schnee quälte, erschien ihm weder gegenwärtig noch real, sondern erinnerte ihn vielmehr an ein altes, bereits vergilbtes Foto."

Im Süden wird er, der Unpolitische, als Spion verhaftet, verhört und gefoltert. Er greift zum Alkohol, stirbt vereinsamt und bitter. Der besondere Duktus des Buches klingt schon im Titel an. Hwang Sok-yong wahrt Distanz zu seiner Figur. Er schreibt in einem protokollierenden Stil, der journalistische Techniken nachahmt und sich jegliche Emphase versagt. Zur Verhandlung steht die politische Realität, in deren Mühlen der Einzelne zerrieben wird.

Im Süden ergriff nach der Teilung eine Reihe von Militärdiktatoren die Macht, eine Periode, die erst 1997 mit dem Sieg Kim Dae Jungs bei den Parlamentswahlen endete. Die Jahrzehnte dazwischen waren von einer forcierten Industrialisierung und Landflucht geprägt, von Erlebnissen der staatlichen Willkür und des Terrors. Die Literatur jener Jahre nimmt den Schulterschluss mit den Erzähltechniken der Moderne vor. Exemplarisch dürfte das Werk der Autorin Ch'oe Yun, Jahrgang 1953, sein. In ihrem Erzählband "Lautlos fällt eine Blüte" bilden Politik und Zeitgeschichte den Hintergrund, vor dem das bewusste Ich mit allen Begleiterscheinungen der Entgrenzung und des Zerfalls ringt. Die titelgebende Kurzgeschichte wird aus drei Perspektiven erzählt, es gibt ein Ich, ein Wir, ein Er. Ihre Wege kreuzen sich in der Folge des blutigen Aufstands von Kwangju (1980). Ch'oe Yun kleidet Ereignisse von hemmungsloser Brutalität in eine geschliffene Sprache: "Wie die Schwingen eines Raubvogels bedeckten Wolken den Himmel, und dazwischen leuchteten nur einige Sterne schmerzhaft wie eiternde Geschwülste."

Hwang Sok-Yong: Die Geschichte des Herrn Han DTV, München 2005, 140 Seiten, 12 Euro

Ch'oe Yun: Lautlos fällt eine Blüte Pendragon Verlag, Bielefeld 2003, 176 Seiten, 15,40 Euro

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