Literatur
Blockbuster aus dem Kloster

Mit gregorianischen Gesängen stürmen Ordensbrüder die Charts und schreiben unter anderem Ratgeber, die ein Millionenpublikum erreichen. Was aber steht drin in den viel gelesenen Ratgebern der Mönche? Vieles, was bedenkenswert ist. Einiges, was Kopfschütteln auslöst. Manches, was aussortiert werden darf. Das Handelsblatt stellt vier Bücher vor.

DÜSSELDORF. Seit rund einem Jahrzehnt wohnen wir einer Transzendenz der anderen Art bei. Mönche schreiten in die Welt, sie moderieren Talkshows, verfassen Zeitungskolumnen, schreiben Ratgeber und coachen gestresste Manager. Spirituelle Wegweiser durch Krisenzeiten sind Bestseller - Kirchliche Verlage wollen expandieren.

Und, in umgekehrter Richtung, bestürmt die Welt die Kloster. Tage der Selbstfindung, die Zelle auf Zeit, Exerzitien, all dies dient dazu, der rastlosen Zeit zu entkommen. Professionell gestaltete Homepages regulieren den Verkehr an der Schwelle: Wenn man die Benediktiner oder Zisterzienser im Netz besucht, findet man allerlei Kurse ausgebucht, von Ikebana bis zur Meditation. In vielen Klöstern der monastischen Orden leben die Brüder eine Drei- und Vierfachexistenz als Theologe und Autor, als Priester, Seminarleiter, Moderator. Und sie schreiben Bücher, sind bei großen Verlagen wie Heyne, Lübbe, Econ und Rowohlt gern gesehene Autoren.

„Wir könnten uns vervierfachen“, bestätigt der Benediktiner Pater Mauritius, Leiter des Vier-Türme-Verlags der Abtei Münsterschwarzach, „und das ist auch gut so.“ Der hauseigene Verlag der Abtei hat eine beispiellose Wachstumskurve hinter sich. Vor knapp 80 Jahren gab er den ersten Missionskalender heraus. Die Münsterschwarzacher Kleinschriften waren die ersten spirituellen Ratgeber im Jackentaschenformat, dies zu einer Zeit, als sich die katholische Kirche in den späten siebziger- und frühen achtziger Jahren in einer Krise befand.

Heute nehmen mehr als 150 Autoren in anspruchsvoll gestalteten Büchern Stellung zu allen Themen der Zeit. Ihr Rat ist all jenen teuer, die in der kruden Wirklichkeit des Hochkapitalismus den Weg verloren haben. Kämpfen die großen Kirchen immer noch um Mitglieder, so stehen Klöster und Mönche mit ihrer einfachen Lebensregel des Ora et labora für Glaubwürdigkeit.

Was aber steht drin in den viel gelesenen Ratgebern der Mönche? Vieles, was bedenkenswert ist. Einiges, was Kopfschütteln auslöst. Manches, was aussortiert werden darf. Etwa die jüngsten Veröffentlichungen Pater Karl Wallners, Zisterziensermönch des Stifts Heiligenkreuz im Wienerwald, und die des Kapuziners Paulus Terwitte. Dieser beschreitet mit dem Leser sein Kloster, Pforte, Refektorium, Armenstube und bespricht in jedem Gebäudeteil ein Grundübel der Gesellschaft und bietet rasche Abhilfe an. Daily Soaps sind schädlich, desgleichen die Grundbeschallung durch MP3 und Radio. Stille ist gut, die Mode ist schlecht. Mit der Wellness übertreibt es der Bundesbürger. Paare, die zu lange auf Probe leben, machen es falsch; Zwanzigjährige, die heiraten wollen, sind auf dem richtigen Weg. Der Normalverbraucher hortet zu viele Vorräte in seinen Kellern – und erst der Großeinkauf, die Tütensuppen!

Ähnlich die Bestandsaufnahme in Pater Karls Wallners Salongespräch „Wer glaubt, wird selig“. „Darf ein Mönch plaudern?“ fragt der Verfasser nur rhetorisch und streift in lockerer Folge Popstars und Gebet, das Jenseits, die Seelenwanderung und den Wellnessbereich. Befremdlich in beiden Veröffentlichungen ist nicht nur der vertrauliche Ton. Pater Karl Wallner und Bruder Paulus Terwitte gehen den Weg vieler Prominenter, dem Fernsehauftritt das eigene Buch hinterherzuschieben. Zwischen medialer Präsenz und mondäner Peinlichkeit liegt aber ein schmaler Grat, auch für Ordensbrüder.

Einer der Ersten im „Ratgebering“ war der Benediktinerpater Anselm Grün. Sein Buch „50 Engel für das Jahr“ bei Herder geht in die 33. Auflage, er hält es nicht für sein bestes Buch. Seine Bücher erscheinen weiter bei Herder und im hauseigenen Vier-Türme-Verlag. Pater Anselm ist ein Vielschreiber, doch belegen zwei Neuerscheinungen ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit und Gelehrsamkeit. Anselm Grün besitzt die Fähigkeit, Probleme der modernen Zeit mit Hilfe der Heiligen Schrift, der Erkenntnisse der Psychologie nach Freud sowie seiner eigenen Erfahrungen als Seelsorger zu beleuchten. Seine Sprache ist schlicht, aber nicht flach, die Haltung des Autors zeugt von Respekt gegenüber dem Leser. Mit Gewinn sind seine spirituellen Anmerkungen zum Phänomen des Burn-outs zu lesen, ferner eine Auslegung des Vaterunsers.

Es bleibt, bei so viel Rat und Tat, eine Frage offen: Wo sind eigentlich die publizierenden Ordensschwestern? Es gibt sie nicht, bis auf wenige Ausnahmen. Die evangelische Benediktinerin Katharina Schridde („... und plötzlich Nonne“) ist eine der wenigen, die ins Rampenlicht getreten sind. Ansonsten erfüllen Nonnen weiterhin die karitativen und kontemplativen Aufgaben, die mit ihrer Berufung einhergehen. Das dürfte für ihren jeweiligen Orden wirtschaftlich längst nicht so profitabel sein wie der Treck der Mönche in die Welt der Ratgeber. Hinter den Mauern der Kloster dauert die ökonomische Trennung der Geschlechter fort.

ANSELM GRÜN:
Quellen innerer Kraft Herder, Freiburg 2009, 160 Seiten, 8,95 Euro

ANSELM GRÜN:
Vaterunser. Eine Hilfe zum richtigen Leben Vier Türme, Münsterschwarzach 2009, 141 Seiten, 16,90 Euro

BRUDER PAULUS:
Das Leben findet heute statt! Ein Anschlag auf die Vertröstungsgesellschaft Rowohlt, Reinbek 2009, 224 Seiten, 18,90 Euro

PATER KARL WALLNER:
Wer glaubt, wird selig. Gedanken eines Mönchs über das Glück, sinnvoll zu leben Lübbe, Bergisch-Gladbach 2009, 351 Seiten, 18 Euro

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