Literatur
Der doppelte Holländer an der Wall Street

Hans van den Broek ist Investmentbanker und gehört zu den Gurus der Branche. In seinem grandiosen Roman „Niederland“ beschreibt Joseph O’Neill die Geschichte des Analysten, der als Glücksritter mit Green Card nach New York kommt und nach dem 11. September 2001 sein berufliches und privates Leben zunehmend als „Maskerade und endlose Tretmühle“ empfindet.

BERLIN. „Zwei Holländer“ bedeuten Kursgewinn. Wenn der Niederländer Hans van den Broek in seiner New Yorker Handelsbank Gas- und Ölaktien mit dem informellen Prädikat „doppelter Holländer“ belegt, dann wissen seine Kollegen, dass deren Kurs nach oben gehen wird. Der 34-jährige Analyst gehört zu den Gurus in der Branche; in den Rankings der Investmentblätter rangiert er ganz oben.

Joseph O’Neill beschreibt in seiem Roman „Niederland“ grandios die Geschichte des Investmentbankers. Entsprechend bezeichnet die „New York Times“ O'Neills Buch als „großen literarischen Wurf“. Und in der Tat gelingt es dem Iren, der in Holland aufwuchs, in London als Anwalt lebte und seit Jahren im berühmten New Yorker Chelsea Hotel wohnt, wie kaum einem anderen, die Erschütterungen, Verletzungen und Verrücktheiten der Stadt und ihrer Bewohner nach 9/11 zu beschreiben.

Auch Hauptfigur Hans und seine Frau Rachel lässt der Autor mit ihrem kleinen Sohn Jake im Hotel Chelsea logieren, denn nach dem Attentat auf das World Trade Center trauen sie sich nicht mehr in ihr Apartment zurück. Bald darauf verlässt Rachel Hans und kehrt nach London zurück, weil sie ihren Sohn nicht in diesem Land aufwachsen sehen will, das sich gerade zu einem Krieg mit Iran rüstet.

Kunstvoll bewegt sich O’Neill, gerade mit dem Pen/Faulkner Award ausgezeichnet, zwischen den Zeitebenen. Das Buch beginnt in dem Jahr, als Rachel und Hans wieder versöhnt sind und in London zusammenleben. Der Autor erzählt die Geschichte in Vor- und Rückblenden, führt uns mal in die Kindheit, als Hans die Schule schwänzte, um auf den holländischen Grachten eiszulaufen, und blendet dann wieder nach New York zurück, wo Hans verzweifelt versucht, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen.

„Niederland“ ist ein Entwicklungsroman. Hans lernt, sein Leben zu leben und auf eigenen Füssen zu stehen. Trost findet er in der Begegnung mit dem Großmaul und Kleinkriminellen Chuck, der im baseballverrückten New York ausgerechnet ein Cricket-Stadion aufbauen will. Der schwarze Hüne kommt aus Trinidad und zeigt Hans das pulsierende New York der Einwanderer. Jenseits aller soziologischen und politischen Diskussionen füllt O’Neill sehr glaubhaft den Begriff Globalisierung mit Leben.

Der Autor schildert die Erschütterung der Green-Card-Besitzer, die auf ein offenes Amerika hofften und nun ein Land kennenlernen, das seine Freiheitsrechte immer mehr einschränkt. Ein Glanzstück ist das Kapitel über die New Yorker Kraftfahrzeugbehörde, in deren bürokratischen Fängen sich Hans verliert, als er seinen Führerschein nachmachen will. Nach dem Besuch dort packt Hans „zum ersten Mal das Übelkeit erregende Gefühl, Amerika werde insgeheim von ungerechten, gleichgültigen Mächten gelenkt“. Er lernt viel von dem lebenslustigen Entrepreneur Chuck, der auch vor krummen Touren nicht zurückschreckt. Weisheiten wie das Motto „Denke fantastisch“ verteilt der Mann aus Trinidad freigebig und gern. Doch erst als Chuck ermordet wird, weiß Hans, dass er in ihm einen wirklichen Freund gehabt hat.

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