Literatur
Die Konkurrenz der USA holt auf

Guido Knopp befasst sich mal wieder mit Hitlers Machtergreifung. Die Bundesrepublik schaut auf ihre Gründung zurück, und die vereinte Nation erinnert sich an das dramatische Jahr 1989. Überall Geschichte, Bilanz und Standortsuche. Doch es geht auch anders. George Friedman, Fareed Zakaria und Nikolas Busse schauen in Zukunft und analysieren die neuen globalen Machtverhältnisse.

BERLIN. Allzu differenziert kann Friedman als Chef eines strategischen Think-Tanks in Austin (Texas) wohl kaum arbeiten. Er muss grob zeichnen für seine Auftraggeber; Zuspitzung und Übertreibung können da nicht schaden. So gelingt es ihm in seinem von Jürgen Neubauer übersetzten Buch „Die nächsten hundert Jahre“, unsere oft träge politische Fantasie zu lockern. Zu Recht verweist er auf die Wendungen des 20. Jahrhunderts, die niemand für möglich gehalten hätte: Koalitionen, Kriege und der Auf- und Abstieg der Mächte.

Friedman richtet seinen Blick auf China und Russland, auf Japan, aber auch die Türkei, Polen und Mexiko, die zu starken Regionalmächten aufsteigen – bei fortdauernder Dominanz der USA. Ohne Kriege werde es nicht gehen: Mitte des 21. Jahrhunderts zwischen den USA und einer türkisch-japanischen Koalition, im Jahr 2100 zwischen den USA und Mexiko. Es geht um Einfluss-Sphären, Rohstoffe und um den Weltraum, der Energiespender und militärische Playstation wird. Problematisch daran ist nicht Friedmans Mut zum Spielen, sondern seine sehr schlichte geopolitische Denkart: Staaten machen Geschichte, und deren Machtpotenzial ist geografisch bedingt. Die Beherrschung der Handels- und Seewege sei der Schlüssel zur Macht, die USA seien deswegen gar nicht von Tabellenplatz 1 wegzudenken. Das klingt eher nach 19. Jahrhundert. Der Rest sind für ihn Konjunktur- und Politikzyklen, die sich regelhaft abspulen.

Auch Fareed Zakaria ist überzeugt, dass die USA eine einzigartig starke Position in der Welt behalten werden. Dabei geht der einflussreiche Leitartikler, Chefredakteur von „Newsweek International“, in „Der Aufstieg der Anderen“ subtiler als Friedman zu Werke (Übersetzung: Thorsten Schmidt). Nicht Geografie gewährleistet für ihn die US-Vormachtstellung, sondern – neben der militärischen und ökonomischen Stärke – die Qualität von Bildung und Ausbildung, die Erneuerungsfähigkeit der Wirtschaft und die ungebrochene weltweite Attraktivität amerikanischer Kultur. Dies sind Machtfaktoren, die Zakaria weiter gestärkt sehen will, wie auch die Soft Power diplomatischer Werbung und kluger Koalitionsbildung in der Ära nach George W. Bush.

Der Blick, den der Autor in einem lesenswerten Kapitel auf das dynamische China und sein Geburtsland Indien wirft, stärkt die These vom Vorsprung der USA, die sich aber auf starke Konkurrenten einstellen müssen. Während Zakaria in Indien langfristig expansionshemmende gesellschaftliche und kulturelle Strukturen sieht, werde China mit seinem außenpolitischen Pragmatismus zum mitentscheiden Welt-Akteur; schon heute zeigt sich Pekings Ausweitung des internationalen Einflusses, nicht nur in Afrika. Das für die deutsche Übersetzung aktualisierte Vorwort kann nicht verbergen, dass seine 2008 geschriebenen Szenarien schon bald hinfällig sein könnten, wenn die Finanz- und Wirtschaftskrise lange anhält.

Und Westeuropa und Deutschland? Beide werden von den amerikanischen Autoren höchstens mitleidig gestreift. Angesichts der Befunde, die Nikolas Busse in seinem Buch „Entmachtung des Westens“ bietet, verwundert das nicht. Höchst informativ und prägnanter als Friedman und Zakaria schildert er den beeindruckenden Aufstieg bisheriger Schwellenländer, die Ambitionen alter und neuer Großmächte und was das für den Westen heißt: einen massiven Verlust von Gestaltungsmöglichkeiten. Dabei bezieht er jenseits der ökonomischen Grundlagen des Aufstiegs demografische, technische und politische Tendenzen ein.

Für den „FAZ“-Korrespondenten, der jetzt aus Brüssel berichtet, bleibt aber die militärische Macht entscheidend. Busse beklagt die sträfliche Vernachlässigung dieses Faktors der internationalen Machtbeziehungen in Europa und speziell in Deutschland. Es werde in Deutschland überhaupt nicht geopolitisch gedacht, gestritten, ausgebildet. Mehr Clausewitz – so lautet sein Plädoyer, was ja nun nicht so schrecklich zukunftsgerichtet anmutet.

Was alle drei Autoren nicht interessiert, ist die stetige Tendenz der letzten Jahrzehnte, transnationale Strukturen zu entwickeln: Organisationen, Gremien, Verträge, Regelwerke für Handel, Umwelt, Kriegführung, Strafrecht. Auch die Finanzkrise zeugt von einer nie gekannten globalen Verschränkung. Man muss keineswegs von der Allmacht transnationaler Strukturen überzeugt sein. Aber wie sich nationale Militärmacht und zunehmender Nationalismus der neuen, selbstbewussten Mächte im Kontext dieser neuen Regelungsstrukturen auswirken werden, erscheint keineswegs nebensächlich. So ganz ohne jüngeren intellektuellen Partner dürfte Clausewitz im 21. Jahrhundert nicht auskommen. Oder vielleicht doch? Zuverlässig vorherzusehen ist das nicht.

GEORGE FRIEDMAN:
Die nächsten hundert Jahre. Die Weltordnung der Zukunft
Campus, Frankfurt 2009,
292 Seiten, 22,90 Euro

FAREED ZAKARIA:
Der Aufstieg der Anderen. Das postamerikanische Zeitalter
Siedler, München 2009,
304 Seiten, 22,95 Euro

NIKOLAS BUSSE:
Entmachtung des Westens.
Die neue Weltordnung
Propyläen, Berlin 2009,
304 Seiten, 22,90 Euro

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