Literatur
Die Lust, sich zu erinnern

Günter Grass hat es, viele Deutsche der Nachkriegszeit hatten es. Nun hat das Phänomen auch Eingang in die Literatur gefunden - die Unfähigkeit oder der Unwille, sich an Unangenehmes zu erinnern.

BERLIN. Gleich mehrere Bücher beschäftigen sich mit dem Thema Verdrängung und mit Krankheiten, die die Fähigkeiten des Gehirns schwächen, sich an bestimmte Zeitabschnitte in der eigenen Vergangenheit erinnern zu können.

"Der Verrat" von Cecile Wajsbrot wirkt dabei, als sei das Buch speziell für den deutschen Literatur-Nobelpreisträger geschrieben worden. Das Erscheinen des Werks in Deutschland fiel genau mit dem überraschenden Geständnis der Waffen-SS-Vergangenheit Grass? zusammen. Hauptperson in "Der Verrat" ist ein Radioreporter in Paris, der sich aus ihm selbst unklaren Gründen nicht an den Krieg erinnern mag. Dabei war er bei Gott kein NS-Täter. Robert war vielmehr einer der vielen, vielen Mitläufer auch im besetzten Frankreich, die sich nicht dadurch ausgezeichnet haben, dass sie etwas gemacht haben. Sondern dadurch, dass sie trotz der um sie herum zerfallenden Welt nichts getan haben. Ein Massenschicksal.

Doch Wajsbrot schafft es, das ganz persönliche Drama dieses Lebens zu entblättern. Es ist eine junge Frau, deren Ähnlichkeit mit einer früheren, verdrängten Liebe Robert plötzlich den Schlüssel zu dem verschütteten Kapitel seines Lebens in die Hand gibt - mit ungeahnten Folgen.

Noch hat Grass nicht offenbart, was eigentlich der Grund ist, warum er sich merkwürdigerweise kaum an Details der Kriegsphase und seiner jugendlichen Waffen-SS-Zeit erinnern kann, wie er immer wieder behauptet. Ob es pure Berechnung war. Oder ob auch in seinem Kopf ein Kapitel seines Lebens schlicht verschüttet ist, gesteuert vom Unterbewusstsein. Zumindest für diese Variante findet er in den Büchern viele Parallelen.

Auch Martin Suter, den Schweizer Erfolgsautor, lässt das Thema nicht los. Immer wieder hat er sich mit dem Phänomen des Vergessens und dessen Folgen beschäftigt. Am eindrucksvollsten ist ihm dies in "Small World" gelungen, der Geschichte von Konrad, der an Alzheimer erkrankt. Auch bei ihm gibt es einen dunklen Fleck in der Vergangenheit, der sein ganzes Leben auf den Kopf stellt - und dessen Dramatik erklärt, wieso Konrad alles tut, nur eines nicht: sich zu erinnern. In seiner typisch nüchternen Sprache konzentriert sich Suter auf den langsamen Fall einer über Jahrzehnte aufgebauten Fassade. Gleichzeitig wird ein Familiendrama in einer reichen Schweizer Industriellendynastie aufgeblättert.

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