Literatur
Die Zeit nach Lehman

Bei den neuesten Büchern zur Finanzmarktkrise hat sich ein unübersehbarerer Perspektivwechsel vollzogen: Nachdem die ökonomische und historische Ursachenanalyse abgeschlossen scheint, folgen nun Insidergeschichten, die den Blick auf die handelnden Akteure lenken. Die kommen dabei meist alles andere als gut weg.

DÜSSELDORF.Wer in Tagen wie diesen mit Bankern spricht, hört immer wieder Sätze, die sich ähneln. Sie beginnen mit „Seit Lehman …“ Man ahnt, dass der 15. September 2008 ein historisches Datum wird, es vielleicht längst ist. Die untergegangene New Yorker Investmentbank und ihre Kartons tragenden Mitarbeiter markieren die Wende – den Moment, als die Finanz- in die globale Wirtschaftskrise mündete. Und so werden eines Tages historische Erzählungen vielleicht so beginnen: „Nach Lehman, an den Iden des Septembers ...“

Mit dem Bewusstsein für die Zäsur wächst das Bedürfnis nach Erklärung und Einordnung. Die ökonomische Ursachenforschung ist abgeschlossen, die Blicke wenden sich dem handelnden Personal zu. Für die große Geschichtsschreibung sind die Iden des Septembers noch zu nah; alle, ob Banker, Ökonomen, Schriftsteller oder Journalisten, noch zu befangen in der weiter taumelnden Gegenwart. Doch für Geschichten ist die Zeit reif. Ein Blick auf die Frühjahrsprogramme der Verlage zeigt einen Perspektivwechsel: Nach den wirtschaftshistorischen und analytischen Krisenbüchern der ersten Stunde kommen jetzt immer mehr Bücher von Insidern auf den Markt und enthüllen Abgründe in Unternehmen, Banken und an der Börse.

Ihr Ton ist zum Beispiel der von René Zeyer. In „Bank, Banker, Bankrott“ liefert der ehemalige Journalist das Psychogramm beider Seiten: zynisch und absurd, kenntnisreich und verblüffend aktuell. Hier die Boni-sensiblen Schweizer Vermögensberater, immer um ihre Provisionen, weniger um Einsicht in die hochriskanten Immobilieninvestments bemüht. Dort ihre Kunden, ebenso gierig und mindestens so unwissend. Eingeteilt wird in „Tonnen“, also wie viele Millionen angelegt werden, danach bemessen sich dann auch die Zuwendung, die Sorte Champagner, die Probleme.

Nach den Geschichten versteht man ein wenig besser, warum es so lange gutging und am Ende so dicke kam. Zeyer bestätigt dabei Klischees. Und er benutzt diese Klischees, ohne sich mit differenzierter Kritik aufzuhalten. Aber man liest es eben gerne, wenn russische Oligarchen für die Steuerfahndung ihren Tod inszenieren oder die Kundenakquise nicht ganz den Moralstandards Schweizer Privatbanken folgen will. Hier wird die Krise zur gelungenen Unterhaltung.

Richtig spannend macht es Anne T., die auf dem Cover nicht mal ihren Namen nennt. Die Frankfurter Derivatehändlerin, mittlerweile ausgestiegen, hat unter Pseudonym ein Insider-Buch geschrieben, nach dessen Lektüre sich Privatanleger nur noch die Augen reiben können. Plastisch schildert sie in „Die Gier war grenzenlos“ ihren Arbeitsalltag im Handelsraum einer Frankfurter Bank, eingepfercht zwischen schwitzenden und kommunikationsgestörten Kollegen in Designeranzügen, die stundenlang herumalbern und Zoten erzählen, dann plötzlich aber starr werden, auf die Monitore schauen und in Sekunden Millionen dealen. Sie lässt kein gutes Haar an den Investmentbankern: „Sie verhalten sich hochriskant und rücksichtslos ... und kennen nur einen einzigen Zweck: das eigene Vermögen zu mehren.“

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