Literatur
H. A. Winkler: Geschichte des Westens

In seiner umfangreichen "Geschichte des Westens" beschreibt Heinrich August Winkler detailliert die Unterschiede zu anderen Regionen. Wer sich Gedanken über die Identität "des Westens" macht, findet in diesem Buch zwar wenig vorformulierte Thesen, aber reichlich Material - denn es ist mehr ein erzählendes als argumentierendes Werk und somit ein echtes Geschichtsbuch.

DÜSSELDORF. Wenn ein emeritierter Geschichtsprofessor ein mehr als 1 300 Seiten langes Buch schreibt, das bei den alten Ägyptern beginnt und mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs endet, dann ist die Gefahr groß, dass ein solches Werk in Ehren, aber ungelesen im Regal verstaubt. Bei der "Geschichte des Westens" von Heinrich August Winkler wäre das schade. Denn der Autor hat viel zu erzählen - manchmal vielleicht so sogar ein bisschen zu viel. Er gibt ein gewaltiges, detailreiches Bild davon, wie "der Westen" entstanden ist.

Der Westen: Das sind Europa einschließlich Russlands und alle Teile Amerikas, über die Kolonialgeschichte finden auch noch weitere Kontinente Berücksichtigung. Besondere Schwerpunkte bilden die deutsche, französische, britische und nordamerikanische Geschichte. Dabei sieht Winkler als Keimzelle der westlichen Kultur eher das Christentum als die heidnische Antike und als wesentliches Unterscheidungsmerkmal zu anderen Regionen die Trennung von Religion und Staat sowie die Herausbildung einer politisch einflussreichen Aristokratie, die zum Beispiel in der britischen Monarchie zu einem ersten System gegenseitiger Machtkontrolle führte.

Das Buch gerät, je näher es der Gegenwart kommt, immer mehr in Fluss, aber auch in die Breite. Das Mittelalter beginnt bei Seite 40, die frühe Neuzeit auf Seite 111, auf Seite 315 bricht dann die Französische Revolution aus - danach folgen noch rund 900 Seiten Fließtext. So ist das Buch in gewisser Weise eine Geschichte des "langen" 19. Jahrhunderts (von 1789 bis 1914) mit ausführlicher Vorgeschichte. Liest man es als Geschichte des inzwischen vorvorigen Jahrhunderts, dann lässt es keine Wünsche nach Details, Hintergründen und Zusammenhängen offen. Überdies schreibt Winkler sehr klar und treffend.

Man muss aber auch sagen, was Winklers "Geschichte des Westens" nicht bietet. Es handelt sich nicht um ein Thesenbuch, das stringent argumentiert und eine genauere Orientierung bietet, was "den Westen" als solches auszeichnet. Das liegt allein schon daran, dass Winkler sich eindeutig auf die politische Geschichte konzentriert. Kultur, Wirtschaft und soziale Aspekte kommen nur am Rand vor, sehr breit berücksichtigt Winkler allerdings die politischen Philosophen und Schriftsteller der Neuzeit.

Das Buch unterscheidet sich trotz der Ähnlichkeit des Titels von Winklers zweibändigem Werk zur deutschen Geschichte, "Der lange Weg nach Westen", das 2000/2001 erschienen ist. Damals hatte Winkler eine klare und durchaus eigenständige Gesamtthese (Deutschland kommt erst "im Westen" zu sich selbst), auch die einzelnen Kapitel waren stärker thematisch fokussiert. A propos Fokussierung: Beim neuen Werk ist der erste Band rund doppelt so lang geraten wie damals - und Winkler plant auch diesmal eine Fortsetzung.

Wer sich Gedanken über die Identität "des Westens" macht, findet bei Winkler zwar wenig vorformulierte Thesen, aber reichlich Material - es ist mehr ein erzählendes als argumentierendes Werk und somit ein echtes Geschichtsbuch. Dabei blendet der Autor auch die Schattenseiten wie Hexenverbrennung, Judenverfolgung und Ausrottung indigener Völker nicht aus. Keine Antwort bietet er aber auf die Frage, warum gerade die westliche Welt oft besonders brutal gewesen ist.

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