Literatur
Identitätssuche im globalen Dorf

Die enge Bindung an die Region scheint vielen Menschen in einer globalisierten Welt als verlässliche Konstante. Doch was bedeuten Identität und Heimat in einem ökonomischen Umfeld, das Flexibilität und Mobilität zu den Bedingungen einer Karriere erhebt? Drei Bücher testen die Belastbarkeit des Heimatbegriffs und räumen auf mit alten Mythen.

BERLIN. Welt und Heimat kommen sich immer näher, egal, ob die Globalisierung nun als großer Gleichmacher oder riesige Chance begriffen wird. Drei kürzlich erschienene Bücher widmen sich dabei der Frage nach der Bedeutung von Heimat und Identität innerhalb dieser Entwicklung. Christoph Antweiler erklärt brillant, wie sich die Welt als universelle Heimat begreifen lässt, Ernst Elitz entwirft streng eine deutsche Heimatkunde, und Klaus Brill beschreibt ausführlich die Auswirkungen der Globalisierung auf ein Dorf im Saarland.

Der Bonner Ethnologe Antweiler bezweifelt, dass Heimat in der globalisierten Welt wirklich bedroht ist. In seinem Buch "Heimat Mensch" räumt er mit hartnäckigen Mythen der Globalisierung auf. "Ortlosigkeit erscheint normal", schreibt er. Stimmt das? Die Lebenswirklichkeit sehe anders aus: "Bei allem Austausch suchen Menschen Heimat und grenzen sich ab." Antweiler entlarvt die Thesen der Kulturtheoretiker, die von Kulturverschmelzung und grenzenloser Mobilität schwadronieren. Fakt sei, dass die meisten Menschen innerhalb einer lokalen kulturellen Tradition aufwachsen und diese für sie wichtig bleibt.

Die populärwissenschaftliche Fassung Antweilers langjähriger Universalienforschung ist vergnüglich geschrieben. In den Gemeinsamkeiten der Kulturen sieht der Wissenschaftler die Basis für eine universelle Heimat. Globalisierung wird so zur positiven Kraft, die die Kulturen verbinde. Überall existieren Initiationsriten und Kunst, um dem Alltag Bedeutung zu verleihen. Auch Gesten der Demut und genaue Standesrituale kennen fast alle Menschen.

Für Manager und Unternehmer, die sich in fremden Ländern zurechtfinden müssen, ist "Heimat Mensch" eine Fundgrube, weil das Buch interkulturelles Trockentraining im Seminar ersetzt. Vereinfachungen lehnt der Forscher ab. Die Indonesier gehen mit der Zeit entspannter um, schreibt Antweiler. Das heißt nicht, dass Pünktlichkeit unwichtig wäre. Sie sind eben dann ganz pünktlich, wenn ihnen ein Termin viel bedeutet. Der Forscher lehrt uns, genauer hinzuschauen. Dann wird auch deutlich, dass sich Identität und Heimat aus vielen Formen der Zugehörigkeit speisen können. Mit einem Professor aus Japan oder Indonesien habe er unter Umständen mehr gemein als mit seinen Nachbarn in Köln, sagt Antweiler.

Ernst Elitz und Klaus Brill sehen den Einfluss der Globalisierung viel düsterer - sie konstatieren den Verlust von Kultur und Eigenständigkeit. Was passiert, wenn die Fußgängerzonen in aller Welt gleich aussehen und die gleichen Produkte angeboten werden? Was geschieht, wenn die Kinder überall die gleichen amerikanischen Serien im Fernsehen anschauen? Der Deutsche sei doch längst ein "nützliches Glied in den Wertschöpfungsketten der globalisierten Welt geworden" - ein zum Nutzer degradierter Kunde, schreibt Elitz. Doch der globale Einfluss ist nur ein Nebenaspekt seines Buches "Ich bleib dann mal hier".

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