Literatur-Nobelpreisträgerin
Herta Müller – die gegen das Vergessen schreibt

Zehn Jahre nach Günter Grass geht der Literatur-Nobelpreis wieder nach Deutschland: Die dem breiten Publikum bisher weitgehend unbekannte Herta Müller wird als Meisterin der lyrischen Prosa angesehen. Ihre Kindheit in Rumänien erlebte sie als Schule der Angst und legt davon in ihren Werken beredt und bedrückend Zeugnis ab.
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HB BERLIN. Auch ihr gerade erschienener Roman "Atemschaukel" (Hanser Verlag) rückt ihr persönliches Schicksal in den Mittelpunkt. Thema ist die in ihrer Heimat lange Zeit tabuisierte Deportation deutschstämmiger Rumänen am Ende des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach in die damalige Sowjetunion. Auch Müllers Mutter war fünf Jahre im Arbeitslager. Müller ist mit dem Roman auch für den diesjährigen Deutschen Buchpreis nominiert, der in der kommenden Woche verliehen wird. Vor dem Hintergrund ihrer Lebensgeschichte gilt die Ehrung mit dem Literatur-Nobelpreis auch als Würdigung des Falls des Kommunismus und der Regime im Osten Europas vor 20 Jahren.

Die Entscheidung für Müller war nicht unbedingt zu erwarten. So hatte es zuvor in Stockholm geheißen, dass nach der Dominanz europäischer Schriftsteller in den vergangenen Jahren Autoren anderen Kontinente gute Chancen hätten: Philip Roth und Joyce Carol Oates aus den USA, Amos Oz aus Israel und der syrische Dichter Adonis wurden in Stockholm als Favoriten gehandelt.

Müllers neues Buch "Atemschaukel", das mit dem Satz "Alles, was ich habe, trage ich bei mir" beginnt, wurde von manchen Kritikern schon als "Meisterwerk" gepriesen. Der Erfolg stärkte diesmal die Favoritenrolle Müllers für den Nobelpreis, für den sie bisher eher nur als Außenseiterin gehandelt worden war.

Der Roman basiert auf den Gesprächen Müllers mit ehemals Deportierten. Zweite wichtige Quelle sind die autobiografischen Texten des 2006 gestorbenen Büchner-Preisträgers Oskar Pastior, an denen die beiden Autoren gemeinsam gearbeitet hatten. Mit dem jetzigen Erfolg ihres Buches hatte sie nicht gerechnet. "Alle Welt spricht von 20 Jahren Mauerfall und dann komme ich mit einer alten Deportationsgeschichte", sagte sie der dpa einen Tag vor der Nobelpreisentscheidung in Berlin dazu.

Dem Dunkel des Ostens viele Melodien abgelauscht

"Oskar Pastior hätte es natürlich sehr gefreut, vielleicht sogar mehr als mich. Ohne ihn und seine detaillierten Erzählungen aus dem Lageralltag hätte ich das Buch auch gar nicht schreiben können. Er wollte aber, dass es das Buch gibt. Es war meine Trauerarbeit, darüber darf man eigentlich auch kein schlechtes Buch schreiben." Und, wie sie es in ihrem jüngsten Roman dem 17-jährigen Protagonisten in den Mund legt: "Ich habe mich so tief und so lang in Schweigen gepackt, ich kann mich in Worten nie auspacken. Ich packe mich nur anders ein, wenn ich rede."

Sie bewunderte Pastiors Haltung in einer aussichtslosen Lage, die er als "Nullpunkt der Existenz" empfand. "Er zog nicht den Kopf ein. Er ließ nicht einfach alles mit sich geschehen." Das galt auch für Schriftstellerkollegen wie den ungarischen Nobelpreisträger Imre Kertész und das gilt auch für Herta Müller. Es ist ihr Lebensthema.

Seit Anfang der 90er Jahre und der Übersetzung ihrer Werke in mehr als 20 Sprachen gehört die Frau, die nie Schriftstellerin werden wollte, mit Büchern wie "Der Fuchs war damals schon ein Jäger", "Herztier" und "Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet" zu den wichtigen Autoren im internationalen Literaturbetrieb. Und das, obwohl sie nach eigenen Worten eine Biografie hat, mit der man "hierzulande nicht so richtig umgehen kann".

Dabei begegne einem mit Herta Müller "starke Literatur und ein starker Mensch", meinte einmal der frühere Chef der Stasi-Unterlagenbehörde Joachim Gauck bei der Auszeichnung Müllers mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die Autorin habe dem Dunkel des Ostens viele Melodien abgelauscht, nicht zuletzt jene, "die uns schwer auf die Seele fallen, weil sie an das Geräusch der Ketten erinnern". Immer protestierte Herta Müller gegen verordnetes Denken und entmündigtes Sprechen.

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