Literatur
Tagebuch einer Apokalypse

Der Vietnamkrieg ist Geschichte - seine Aufarbeitung aber ist noch immer im Gange, nur in den USA. Zu den interessantesten Neuerscheinungen zählt das Tagebuch einer jungen Ärztin, die im Dschungel Verletzte versorgte. Es wurde erst nach 30 Jahren entdeckt und gedruckt.

DÜSSELDORF. Ein grob gerastertes Foto zeigt einen Bomber der US-Air-Force vom Typ B-52. Aus seinem Rumpf fallen blutrote Bomben. In seiner vor 40 Jahren kreierten Objektgraphik verwendet Wolf Vostell hierfür aufgeklebte Lippenstifte. Die Interpretation soll sich nicht auf das in den Anfängen der Friedensbewegung intonierte „Make Love not War“ beschränken. Der Mitbegründer der Künstlergruppe „Fluxus“ will demonstrieren, wie in den USA vor allem dem eigenen Publikum die Notwendigkeit des Krieges in Vietnam vermittelt wird: Der Tod kann schön sein, zumal im Kampf gegen Kommunisten, der am 17. Breitengrad gerade einen dramatisch steigenden Blutzoll fordert.



1968 ist das Jahr der ersten Einsätze von Napalm und Agent Orange gegen die vom Norden gestartete Tet-Offensive. Es liefert auch das Stichwort für My Lai: Eine US-Einheit unter Führung von Leutnant William Calley tötet in diesem südvietnamesischen Dorf binnen weniger Stunden 400 bis 500 Menschen, meist Zivilisten. Man verdächtigt sie der Kooperation mit dem Vietkong. My Lai bleibt nicht das einzige Massaker, das alle internationalen Konventionen aushebelt.



Und 1968 ist das Jahr, in dem Dang Thuy Tram beginnt, ihr Tagebuch zu schreiben. Es sind Notizen einer 25 Jahre jungen Ärztin, die ein Feldlazarett in den Bergen Zentralvietnams leitet. Das Buch schildert einen bis dato ungewohnten Krieg aus der Froschperspektive. Einen Krieg, den die US-Politik heute noch als humanitäre Mission zur Verbreitung von Recht und Demokratie verteidigt, die im eigenen Land ein Trauma auslösende Niederlage indessen leugnet.



Der Leser kann den Gräuel direkt vor Ort, meist im unwirtlichen Dschungel, minutiös verfolgen: „Operierte gerade eine Blinddarmentzündung unter unzureichender Betäubung. Konnte dem Soldaten nur ein paar magere Ampullen Novocain geben“, lautet der erste Satz ihrer Aufzeichnungen. Sie sind eine Dokumentation, deren Lektüre Emotionen weckt und gerade deshalb als moralischer Appell zu verstehen ist.



Die aus Hanoi stammende Dang Thuy Tram steht zwar klar auf Seiten der Guerilla des Vietkong, teilt deren Visionen: „Geht euren Weg, Brüder! Ich werde euch eines Tages in unserem geliebten Nordvietnam wiedersehen.“ Aber sie ist Ärztin, die Menschenleben nicht differenziert wertet. Sie offenbart Gefühle, Ängste, Sehnsüchte nach Liebe, nach Frieden. Ihre Briefe an Freunde, ihre Gespräche mit Verwundeten, Sterbenden provozieren Ergriffenheit: „Ich bin kein Kind mehr. Ich bin erwachsen. Doch in diesem Augenblick sehne ich mich zutiefst nach Mutters tröstender Hand“, lautet ein Eintrag vom 20. Juni 1970. Zwei Tage später, nun 27 Jahre alt, wird die junge Frau von einer US-Patrouille auf einem Dschungelpfad erschossen.



Wenig verständlich ist, dass der Verlag nur mit knappen Zeilen erklärt, wie und warum das Tagebuch erst mehr als 30 Jahre nach Beendigung des Krieges in Vietnam erschienen ist. Der damals dort kämpfende US-Offizier Fred Whithurst fand die Notizen im Gepäck der toten Ärztin. Entgegen offizieller Order verbrannte er sie nicht, sondern verwahrte sie 30 Jahre lang. Erst nach dem Ende seiner Dienstzeit bei den US-Streitkräften, als sich die Beziehungen zwischen Washington und Hanoi allmählich normalisierten, wagte er, diesen grandiosen Text übersetzen zu lassen und ihn an Dang Thuy Trams Familie zu schicken. Auch dies zeugt vom noch aktuellen amerikanischen Trauma.



Der Brutalität und der Traumata dieses Krieges widmet sich auch Bernd Greiner. Dabei geht es dem Historiker und Politikwissenschaftler neben einer umfassenden Analyse der Ursachen um die Wechselwirkungen zwischen den insbesondere in Washington formulierten Vorgaben und dem aktuellen Geschehen vor Ort in der Zeit von 1967 bis 1971.



Seine in die Tiefe reichende Recherche führt zwangsläufig zu dem Schluss, dass weder die US-Politik, noch Militärstrategen und schon gar nicht die im Dschungel kämpfende Truppe auf die Charakteristika eines asymmetrischen Krieges vorbereitet waren. Und mit Blick auf die aktuellen Glacis im Irak und in Afghanistan wurden nur wenig Konsequenzen gezogen: Wir sind da jetzt drin, und wir müssen einfach durch. „Search and destroy“, lautet die Parole. Fragen wie „Wie viele Menschen haben wir heute mit unseren automatischen Waffen erschossen? Wie viele Mädchen und Jungen, Alte?“ stellen sich selten. „Killing rate“, „body counting“ sind damals wie heute gängige Vokabeln. Dang Thuy Tram und Bernd Greiner liefern schweren Stoff, aber gerade deshalb absolute Pflichtlektüre.



Wer dann noch mag, kann sich die Gedanken von Jürgen Horlemann und Peter Gäng in Erinnerung rufen. Ihr Buch ist einer jener Titel, die Suhrkamp in seiner Nachdruckserie „1968“ aus den Archiven geholt hat. Die Protagonisten der Studentenbewegung befassen sich mit dem Vietnamkrieg naturgemäß eher theoretisch. Gespickt mit in diesen Gruppen üblichen, von Ideologie getriebenen Vokabeln ordnen sie ihn in das Thema US-Kolonialismus und –Imperialismus ein. Viele Fragen und Antworten bleiben offen. Aber angesichts des anstehenden Machtwechsels in den USA bescheren sie uns nicht nur Nostalgie.



DANG THUY TRAM: Letzte Nacht träumte ich vom Frieden. Ein Tagebuch aus dem Vietnamkrieg Krüger, Frankfurt 2008, 317 Seiten, 17,90 Euro



BERND GREINER: Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam Hamburger Edition, Hamburg 2007, 595 Seiten, 35 Euro



J. HORLEMANN, P. GÄNG: Vietnam. Genesis eines Konflikts Suhrkamp, Frankfurt 2008, 210 Seiten, 19,68 Euro

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