Liu Wei
Hochhäuser wie Barcodes

Der chinesische Konzeptkünstler Liu Wei hat eine exklusive Edition für das Handelsblatt erstellt. Darin verknüpft er geschickt große Themen der Zeit wie Urbanisierung und digitale Überwachungstechniken.
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DüsseldorfLiu Wei ist einer der international bekanntesten und stilistisch vielseitigsten Künstler seiner Generation in China. 1972 in Peking geboren, hat Liu den Sprung in Biennalen, weltweit agierende Galerien und große Privatsammlungen längst geschafft. Anders als sein Namensvetter – der 1965 geborene gleichnamige Pekinger Maler – ist Liu Wei ein Konzeptkünstler, der seine Fangemeinde mit immer neuen Materialien und Bildfindungen überrascht. Einer, der seine Themen rational durchdenkt und in verschiedensten Gattungen umsetzt. Einer, der mit offenen Sinnen seinen Alltag in Peking bestreitet und dann „nach einer Zeit des Umwälzens“, wie er im Gespräch mit dem Handelsblatt sagt (Ausgabe v. 21.4.2017, S. 63), seine Eindrücke und Erfahrungen im Studio in Kunst überführt.

Liu ist ein in Formen denkender Künstler, der Medienberichte über Wikileaks, die Panama Papers und die Wahl von Donald Trump geradezu aufsaugt. „Weil diese Veränderungen noch radikaler sein werden als die, die wir schon erlebt haben.“ Der Künstler interessiert sich nicht nur für Politik und Macht, er fragt auch, wie Individualität in der Massengesellschaft möglich wird. Und lässt dezent chinesische Geschichte und Geschichten in seinen Werken durchschimmern.

Modellstadt aus Knochen

Ein berühmtes Frühwerk von Liu Wei etwa spielt auf die standardisierte klassische Landschaftsmalerei der Chinesen an. Für sein Foto „It Looks Like a Landscape“ ließ er 2004 vier nackte Menschen sich bücken, so dass ihre behaarten Hinterteile im Nebel aussehen wie bewaldete Bergrücken im Herbst.

Ob Liu eine großflächige Modellstadt aus opaken Hunde-Kauknochen bauen, eine fragile Skyscraper-Silhouette aus Tonnen zusammengequetschter Bücher sägen oder seine gerasterten „Grid Paintings“ in Bildschirm-Optik malen lässt – immer ist er bis in allen Details Perfektionist. Das große Konzept und die Ideen zählen nur, wenn auch die Ausführung bis ins Kleinste perfekt ist – darauf besteht er. Gleich einem Manager hat Liu jede der Spezialwerkstätten in seinem Studio und etwa 30 Mitarbeiter stets im Blick – wie einst ein Cranach oder Rubens.

Ein Thema, das dem Künstler keine Ruhe lässt, ist das rasante Wachstum der Städte in China. Die geplante Metropolregion Jingjinji etwa soll Peking entlasten und fast dreimal soviel Fläche umfassen wie Bayern. Die Licht- und die Schattenseiten dieser Verwandlung von Ackerflächen in stereotype Hochhaussiedlungen hat Liu in Installationen, vor allem aber in der Gemälde-Serie „Purple Air“ verhandelt.

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Laotse und der Nebel aus dem Osten

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