Liverpool
Die graue Maus wird bunt

„So Ferry ’cross the Meeeeerseyyy, ’cause this land ’s the place I love an here I`ll stayyyy...“ Liverpools heimliche Nationalhymne krächzt aus den uralten Bordlautsprechern. Vom Deck der Mersey-Fähre aber ist das neue Liverpool nicht zu übersehen: Es hat sich mit spektakulären Projekten darauf vorbereitet, 2008 Europas Kulturhauptstadt zu werden.

LIVERPOOL. Früher prägten die sogenannten „Drei Grazien“ das Bild Liverpools, drei inzwischen zum Weltkulturerbe gehörende Bürobauten am Flussufer, heute sind es die Apartment- und Hotel-Hochhäuser britischer Großinvestoren. Aus der einstigen Hafenmetropole ist eine geschäftige City geworden, aber auch ein Ort für Kunst und Kultur. Nirgendwo in Großbritannien – Ausnahme London – gibt es so viele Galerien und Museen, so viele denkmalgeschützte Bauten. Hinzu kommen eine Handvoll renommierter Theater und ein paar Hundert Kneipen, Clubs, Bars, Cafés und Restaurants.

Arbeitslosigkeit, Zerfall und Verelendung, mit denen Liverpool Ende der 1980er-Jahre in Verbindung gebracht wurde, sind vergessen. Das einstige Armenhaus im englischen Nordwesten hat sich zu einer modernen Großstadt gewandelt, die sich im nächsten Jahr mit dem Titel europäische Kulturhauptstadt schmücken darf. Der Optimismus der Liverpooler ist derzeit grenzenlos. Selbst die Durchschnittsgeschwindigkeit der Autos, die auf Liverpools Straßen schneller als in anderen Großstädten Englands unterwegs sind, wird inzwischen als Zeichen des rasenden Fortschritts gewertet.

Milliarden werden und wurden in neue Hotels, Tagungs- und Einkaufszentren gesteckt, in neue Stadien, Konzertarenen und Museen, die Geschichte real und virtuell präsentieren.

Vorbei sind die Zeiten, als aufsässige Bewohner immer wieder blutige Krawalle anzettelten, als Zehntausende mangels Arbeit und Perspektiven Liverpool den Rücken kehrten. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit, welche die Stadt schon weitgehend abgeschrieben hatte, hüllte sich die graue Hafenmetropole in den vergangenen beiden Jahrzehnten in bunte Urbanität.

Sogar anspruchsvolle Einkaufsbummler könnte es künftig nach Liverpool ziehen. Mitten im Zentrum entsteht derzeit Englands modernstes Shopping-Center, ein umgerechnet 1,5 Milliarden Euro teurer Komplex aus Apartments, Geschäften, Hotels und Boutiquen, Kinos, Restaurants, Sport- und Vergnügungszentren, 3 000 Parkplätzen und zwei riesigen Kaufhäusern.

Begonnen hatte das alles mit der Umwandlung des Albert Dock, des größten denkmalgeschützten Gebäudekomplexes in England. Inzwischen gehören die Hafenanlagen zum Weltkulturerbe, heute sind die Docks Liverpools Touristen-Magnet. Millionen Menschen bummeln Sommer wie Winter an den alten Kais entlang, machen Station in den betagten Speichern, die als Cafés, Restaurants und Museen dienen – im Merseyside Maritime Museum zum Beispiel, das die Geschichte der Stadt erzählt. Oder im gerade eröffneten World Slavery Museum, wo es um den Sklavenhandel geht, der Liverpools Reeder reich machte.

Hunderttausende besuchen Jahr für Jahr das Beatles-Museum, das die Karriere von John, George, Paul und Ringo nachzeichnet, den vier Aposteln Liverpools, die mit ihrer Musik den Ruf der Stadt als „Kapitale des Pop“ begründeten. Pünktlich mit der Beförderung Liverpools zur Kulturhauptstadt wird das Privatmuseum im Albert Dock teurer. Ein Ticket soll dann umgerechnet knapp 20 Euro kosten.

Seite 1:

Die graue Maus wird bunt

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%