Luo Lingyuan
"China ist ein kapitalistisches Land"

Europa ist ihnen zu träge, zu sündig und zu kapitalistisch: In ihrem neuen Roman führt Luo Lingyuan eine Delegation von Parteifunktionären und Unternehmern aus China quer durch den Kontinent. Ein Interview mit der Autorin über den chinesischen Blick auf Europa und die inneren Widersprüche des riesigen Landes.
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Handelsblatt: Frau Lingyuan, die Protagonisten in Ihrem Buch schimpfen über die europäischen Kapitalisten, preisen den Kommunismus - und halten sich doch für die besseren Geschäftsleute. Wie passt dieser Widerspruch im chinesischen Selbstverständnis zusammen?

Luo Lingyuan : China hat unter Mao einen strengen Kommunismus ausprobiert, aber dadurch die Wirtschaft ruiniert. Nach Maos Tod hat Deng Xiaoping den Deckel des Topfes ein bisschen angehoben. Dadurch konnten die Chinesen, die traditionell tüchtige Geschäftsleute sind, wieder Geschäfte machen und Geld verdienen. Ihnen war es ziemlich egal, wie das politische System funktionierte. Heute gilt noch die kommunistische Ideologie, in der Praxis ist China aber eher ein kapitalistisches Land.

Wie mächtig ist die Kommunistische Partei heute noch angesichts der erstarkenden Privatwirtschaft?

Die Partei hat immer noch das Sagen. Allerdings ist sie auch auf die Wirtschaft angewiesen und bewegt sich auf diese zu. Der Volkskongress im Februar hat etwa ein Gesetz erlassen, das Privateigentum schützt. China entwickelt sich immer mehr zum Rechtsstaat, aber dieser Prozess wird noch lange dauern. Vor allem in abgelegenen Provinzen herrschen die örtlichen Funktionäre immer noch, wie sie wollen.

China entwickelt sich in rasantem Tempo. In Ihrem Buch spotten die Delegationsmitglieder über Europa, wo alles so lange brauche.

Die Stimmung in China ist sehr dynamisch, alle wollen etwas aufbauen. Die Europäer haben dagegen schon ein hohes Wohlstandsniveau erreicht. Mit ihrer Überheblichkeit gegenüber Europa kompensieren die Chinesen aber auch ihre Komplexe. China hat eine uralte Kultur und war ein mächtiges Reich. Es musste im vergangenen Jahrhundert aber auch viele Niederlagen einstecken, die japanische Besatzung im Zweiten Weltkrieg zum Beispiel. Außerdem wissen die Chinesen, dass ihre Technik bis heute nicht gut genug ist.



Andererseits bewundern Ihre Figuren immer wieder die schönen alten Bauwerke in Europa. Wie geht China angesichts des raschen Wandels mit seinen Traditionen um?

Es gibt immer mehr Stimmen, die sich etwa für den Erhalt alter Bauten einsetzen. Auf der anderen Seite herrscht eine ungemeine Zerstörungswut: Alte Häuser werden im Handumdrehen abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Häufig fallen die Entscheidungen so schnell, dass die Bürger überhaupt keine Zeit haben, dagegen Einspruch zu erheben. Aber je mehr Chinesen ins Ausland und besonders nach Europa reisen, desto stärker werden sie den Wert der Traditionspflege schätzen lernen.

Wie groß ist die Bereitschaft, von Europa und den USA zu lernen?

Sehr groß. China war früher ein reiches Land, dann hat es aufgehört, sich anzustrengen. Heute sind die Chinesen wieder enorm neugierig, sie wollen dazulernen. Das hängt auch mit dem Konfuzianismus zusammen, der Bereitschaft zu lebenslangem Lernen fordert.

Luo Lingyuan: Die chinesische Delegation, Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2007, 280 Seiten, 14,50 Euro

Till Hoppe
Till Hoppe
Handelsblatt / Europa - Korrespondent in Brüssel

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