Luxustaschen-Wahn in Schanghai: Ganz schön hen bang

Luxustaschen-Wahn in Schanghai
Ganz schön hen bang

Alles gefälscht? Nicht unbedingt. Wer abends in Schanghais Tanzschuppen glänzen möchte, verzichtet auf billige Fähnchen und falsche Krokodile am Hemd.

HB SCHANGHAI. Am Samstagabend Jazzfestival im JZ-Club in der Fuxingxi-Straße. Vorm Eingang laufen die Taxen auf, mit öffentlichen Verkehrsmitteln kommt niemand hierher. Der Klub ist „hen bang“ – ungeheuer angesagt. In gediegener Atmosphäre warten die Gäste in orangefarbenen Sesseln auf die Rocklegende Cui Jian.

Der 43-Jährige ist noch 15 Jahre nach seinen legendären Auftritten auf dem Tiananmen-Platz in Peking ein zuverlässiger Publikumsmagnet und heizt ab 23 Uhr mächtig ein. Der Whiskey fließt in Strömen, die Mädels lassen sich Caipirinhas mixen. Wer aber glaubt, die Chinesinnen würden nur nippen, wird eines Besseren belehrt. „Wir trinken selten, aber wenn wir Alkohol trinken, vertragen wir mehr als die Männer“, sagt eine 25-Jährige selbstbewusst.

Cui Jians Rockballaden über Maos Langen Marsch und die blaue Einheitskluft sind weit entfernt von ihrer Realität: Am Arm baumelt ein Prada-Täschchen, auf den Sessel neben ihr hat jemand achtlos eine weiße Chanel-Tasche im unverwechselbaren Stepp-Design geworfen.

Alles gefälscht? Nicht unbedingt. Wer abends in Schanghais Tanzschuppen glänzen möchte, verzichtet auf billige Fähnchen und falsche Krokodile am Hemd. Bei 210 000 Dollar-Millionären im Land – von dieser Zahl gehen die Unternehmensberater Cap Gemini Ernst Young aus – stehen die Luxushersteller aus aller Welt in den Startlöchern.

Die Messe „Top Marques Shanghai“ lockte kürzlich 8 500 Besucher an. „Der letzte unberührte Wachstumsmarkt der Welt“, jubeln die Veranstalter. „Ein chinesischer Antiquitätenhändler hat Möbel für vier Millionen Dollar verkauft“, sagt der Londoner Messechef Robert Evans. Auch andere Produkte gingen weg: 20 Luxuskarossen wurden während der Ausstellung verkauft, darunter drei Maseratis.

Chinas Aufschwung kam so schnell, dass Anbieter erst einmal Marktforschung betreiben müssen. „China ist für uns ein weißes Blatt. Wir haben noch kein Gefühl, welches Produkt hier besser läuft“, sagt Peter Decu. Der Deutsche ist Generalvertreter der Uhrenfirma Patek Philippe in Schanghai, die ihren Laden im vergangenen Juli eröffnete. „Ich bin überrascht, wie stark das Produkt schon bekannt ist. Die Kunden kommen aus ganz China.“ Einer ist Peter Decu in Erinnerung geblieben: ein Reisender aus Peking, der in größter Sommerhitze mit Badelatschen erschien und innerhalb weniger Tage gleich drei Uhren kaufte.

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