Magermodels: „Parade von Skeletten“

Magermodels
„Parade von Skeletten“

Wenn sie auf langen schlanken Beinen über den Laufsteg schweben, sehen sie perfekt aus - die jungen Frauen, die von diesem Freitag an in New York während der Modewoche die Kreationen der Designer präsentieren. Aber die bewunderten Models, seit Jahrzehnten zu Ikonen stilisiert, werden derzeit äußerst kritisch beäugt: Wie dünn ist zu dünn - und wie dünn ist tödlich?

HB NEW YORK. Der Fall des brasilianischen Supermodels Ana Carolina Reston, die mit 21 Jahren an ihrer Magersucht starb, hat die Branche aufgeschreckt. Genauso tragisch war die Geschichte der 22-jährigen Luisel Ramos, die in Montevideo während einer Show mit Herzversagen zusammenbrach, nachdem sie kurz zuvor zwölf Kilo abgenommen hatte.

Seitdem Italien und Spanien gegen magere Mädchen mobil machen, ist das Thema auch bei der amerikanischen Modeindustrie angekommen. Sie will nicht daran schuld sein, dass sich junge Mädchen zur „Parade von Skeletten“ herunterhungerten, wie es der italienische Modemacher Valentino Garavani formulierte. Drei Wochen vor dem Modespektakel gab deshalb der Council of Fashion Designers of America (CFDA), eine Vereinigung von 280 einflussreichen US-Modemachern mit Diane von Fürstenberg an der Spitze, eine Reihe von Richtlinien heraus. Für die so genannte „Gesundheits-Initiative“ wurde lange darüber diskutiert, ob man ein Verbot für untergewichtige Models mit einem Body Mass Index (BMI - Verhältnis von Gewicht zu Körpergröße) von unter 18 einführen sollte, wie das Madrid exerziert. (Für die Weltgesundheitsorganisation ist ein BMI von 18,5 schon die Marke für Untergewicht).

Am Ende zog sich jedoch der CFDA aus der Verantwortung. Man wolle keine Kontrolle ausüben, sondern das „Bewusstsein“ für das Problem fördern, hieß es da. Manche Models seien schließlich von Natur aus dünn und Essstörungen seien sehr komplex und hätten oft einen psychischen oder sozialen Hintergrund. Konkret heißt das: Daran ist der Model-Job nicht schuld. Stattdessen gab der CFDA Empfehlungen. Magersüchtige Models sollten professionelle Hilfe bekommen und in Workhops über die Gefahren des Hungerns aufgeklärt werden. Backstage sollten genug gesunde Knabbereien zur Verfügung stehen. Außerdem dürften unter 16-Jährige gar nicht engagiert werden, und Models unter 18 sollten nicht noch nach Mitternacht für Anproben zur Verfügung stehen müssen.

Ein striktes Verbot für knochige Models bei der Fashion Week in New York gibt es also nicht. Das hätte wohl auch viele Mädchen (und ihre Agenturen) arbeitslos gemacht, denn der durchschnittliche BMI für amerikanische Top-Models liegt nach einer Untersuchung bei 16,3. So zeigte auch Cathy Gould von der Modelagentur Elite in Nordamerika zwar Verständnis für die Entscheidung von Madrid. Trotzdem sei der Schritt „ungeheuerlich und diskriminierend“ für von Natur aus superschlanke Models. David Bonnouvrier, Chef von DNA-Models, sieht das anders: „In der Modeindustrie sollte es um Schönheit und Luxus gehen, nicht um verhungerte Leute, die blass und krank aussehen“, sagte er in einem Interview mit der „New York Times“.

Langsam aber sicher scheint die Botschaft auch anzukommen. „Wenn man Knochen sieht und anfängt, die Rippen zu zählen, wird es alarmierend“, sagte Linda Wells, Redakteurin des US-Magazins Allure. Und selbst Supermodel Jessica Stam drückte ihre Betroffenheit aus. „Es gibt viele Mädchen, die dünn und gebrechlich aussehen. Ich weiß nicht, ob sie gesund sind oder nicht, aber ich finde das weder feminin noch attraktiv“, sagte die 20-jährige Kanadierin.

Trotzdem: Auch die Brasilianerin Reston wog mit ihrer Ernährung aus Tomaten und Äpfeln kurz vor ihrem Tod gerade noch 40 Kilo, und wurde so für den Armani-Katalog abgelichtet. Als ihre Agentur L'Equipe sie nach Hause schickte, war es zu spät. Wie viele von den Mädchen auf New Yorks Laufstegen ein Problem mit ihrem Körper haben, werden die zahlreichen Stars, Trendsucher und Stylisten in der ersten Reihe sicher nicht sehen. Aber vielleicht haben sie Zeit, sich die Ausstellung „Dangerous Beauty“ (Gefährliche Schönheit) im Chelsea Art Museum anzuschauen. Dort wird in teilweise schockierenden Installationen das manipulierte Schönheits-Ideal für den Massenkonsum kritisch unter die Lupe genommen. Wer hinein will, muss über ein Feld von Badezimmer-Waagen laufen.

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