Malerei des 19. Jahrhunderts
Adolf Menzels umgestürzter Teekessel weckt hohe Erwartungen

In London kommt restituierte deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts unter den Hammer. Unter anderem ein Frühwerk von Adolf Menzel. Für außergewöhnliche Werke europäischer Maler sind in dem wählerischen Markt inzwischen die Preise gestiegen.
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LONDON. Preislich gesehen spielt die Deutsche Kunst in der schmalen, aber gut bestückten Sotheby's Auktion mit Malerei des Jahrhunderts am 24. November eine untergeordnete Rolle. Längst ist die Kunst der Spanier, Italiener und Skandinavier an der Deutschen Malerei vorbeigezogen. Deutschlands Geschmackskultur entwickelte in den letzten 20 Jahren andere Präferenzen Aber für außergewöhnliche Werke jeder Provenienz sind in dem wählerischen Markt die Preise gestiegen, vor allem weil Materialverknappung und Teuerung bei den Alten Meistern das 19. Jahrhundert immer interessanter für Sammler und Händler macht.

So gesehen gibt es keinen Grund, warum Adolf Menzels Stillleben eines umgestürzten Teekessels nicht die Schätzung von 40 000 bis 60 000 Pfund übertreffen sollte. Es wurde 1856 gemalt, als sich Menzel stark mit der Malerei des 17. Jahrhunderts und mit Rembrandt befasste. Trotz seiner altmeisterlichen Qualitäten ist das Gemälde modern, weil es fast fotografisch flüchtig den Moment festhält, in dem der Kessel umstürzt; die ungewöhnliche Variante eines Stilllebens.

Der Menzel wurde im September von der Stuttgarter Staatsgalerie an die Erben des Wuppertaler Kunsthändlers Walter Westfeld zurückgegeben, obwohl sie das Bild erst 2004 über den Kunsthandel erworben hatte. Zu spät wurde festgestellt, dass das Gemälde 1938 von der "Devisenfahndungsstelle" konfisziert und zwangsversteigert wurde. Westfeld kam in Auschwitz ums Leben. "Ein eindeutiger Fall für eine Rückgabe nach der Washingtoner Erklärung", sagt Kunststaatsekretär Dietrich Birk. Das Land Baden-Württemberg erhält nach einem Vergleich mit den Westfeld-Erben ein Drittel der Verkaufssumme.

Zwei Werke von Karl Blechen (1798-1840) werden nach systematischen Provenienzforschungen von der Bundesrepublik restitutiert. Sie gehörten einst dem Berliner Textilfabrikanten Julius Freund, der mit seiner Frau 1933 nach Winterthur und 1939 nach England floh. Seine Kunstsammlung musste er jedoch in der Schweiz zurücklassen, wo sie 1942 bei Fischer, Luzern, zwangsversteigert wurde. Freunds Tochter war die berühmte Fotografin Giséle Freund. Schlafender Faun (25 000 bis 35 000 Pfund) wurde vom Deutschen Reich ersteigert und hing dann als Besitz der Bundesrepublik im Kölner Wallraff-Richartz Museum. "Die Mühle im Tal" gelangte von der Zwangsversteigerung bei Fischer an Reichsleiter Rosenberg, dann an Hermann Göring, der es Hitler schenkte. Die Alliierten stellten es nach dem Krieg in Hitlers Beutekunstkammern im Salzbergwerk Altaussee in der Steiermark sicher, dann war es als Leihgabe der Bundesrepublik im Kurpfälzischen Museum in Heidelberg. (12 000 bis 18 000 Pfund)

Die höchste Schätzung der deutschen Bilder hat eine Venedigvedute von Friedrich Nerly: Der starke Markt für Venedigansichten und die Qualität seiner Bilder haben die Preise hochgetrieben. Geschätzt sind 80 000 bis 120 000 Pfund. Teurer sind Werke anderer Nationalschulen: Carl Larssons Selbstporträt "Spiegelbild mit Brita", ein Aquarell, soll 400 000 bis 600 000 Pfund bringen. Bei der kleinen Auswahl von Orientalisten ist Ludwig Deutschs "Gelehrter" am wichtigsten, das Bild war seit den fünfziger Jahren in der Sammlung einer Herrscherfamilie der Vereinigten Emirate (200 000 bis 300 000 Pfund). Spanische Kunst ist im übrigen am teuersten: Eine energische Meerszene des Spätimpressionisten Joacquin Sorolla ist auf 800 000 bis 1,2 Mio. Pfund geschätzt. Ein Porträt des Bildhauers Enric Carasó von Picassos Lehrer Santiago Rusiñol soll 280 000 bis 350 000 Pfund kosten.

www.sothebys.com

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent

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