Malerei des Informationszeitalters
Dehnbare Zusammenhänge

Neue mediale Welten prägen einen erheblichen Teil der jüngeren Malerei. Das Museum Brandhorst in München hat sich nun an eine Übersichtsausstellung gewagt. Die Schau öffnet viele Schubladen. Doch entlässt sie den Betrachter eher verwirrt als erleuchtet.

MünchenWer die Malerei erneuern will, muss Althergebrachtes in den Container der Geschichte werfen. Martin Kippenbergers Installation „Heavy Burschi“ von 1989/90 ist eine eingängige Metapher, um sich auf die ehrgeizige Ausstellung über die Malerei des Informationszeitalters im Münchener Museum Brandhorst einzustellen. Mit diesem Werk beginnt die Schau. Der stets ironische Kippenberger hatte seinen Assistenten mit der Replik von Bildern beauftragt, sie dann wiederum in Stücke zerhackt und wie Sperrmüll in einen großen Abfallcontainer geworfen. Schluss mit dem Abmalen des ewig gleichen, Schluss mit Zitat und Selbstzitat, könnte man seine Botschaft übersetzen.

Nach dem Abgesang auf den Abstrakten Expressionismus und den spartanischem Minimalismus saugte die Malerei die Werbeästhetik, die Sprache des Kinos und Fernsehen, die Unterhaltungsmusik und Versatzstücke aus den Printmedien, später aus den Computermedien auf. Sie lieferten ein Arsenal von Chiffren für eine neue Expressivität in der Malerei, die sich allerdings als Tendenz erst ab Ende der 1970er-Jahre durchsetzen sollte.

Malerei aus Protest

Die Ausstellung versucht erstmals aufzufächern, in welchem Maße das Informationszeitalter Einfluss nahm. 230 Kunstwerke von 107 Künstlern haben Museumsdirektor Achim Hochdörfer und seine Co-Kuratoren David Joselit und Manuela Ammer zusammengetragen. Robert Rauschenberg etwa riss Zeitungsausschnitte aus und übermalte sie in heftig gestischer Manier. Keith Haring und Jean Michel Basquiat mit ihren zeichenartigen, kryptischen Kompositionen begriffen die Malerei als Pose des malerischen Ausdrucks. Louise Fishmann hingegen hat den mit energischem Pinsel aufs Papier gebrachten Text als Protestmalerei verstanden. Auf ihren Angry Paintings versah sie 1973 alle Namen ihrer Freundinnen mit dem Attribut „angry“. Nicht immer speiste so viel Selbstvertrauen die Kraft eines Bildes. Jörg Immendorff packte seinen Skeptizismus über die Zukunft der Malerei 1966 unmissverständlich in sein Gemälde „Hört auf zu malen“. Mit einem großen schwarzen X über dem halbfertigen Gemälde negierte er den Sinn seines Tuns.

Ausstellung mit vielen Schubladen

Die Schau mäandert durch Stile, Zeiten und Strömungen. Bis zum Anfang des neuen Jahrtausends dient der Pinselstrich als unmissverständlich individuelle Verlautbarung im Brei der kritisierten Massenkultur. Nicht immer ist die ironische Bezugnahme zu Klischees und Stereotypen der Malerei so deutlich wie bei Albert Oehlens doppelbödigem Hirschkopf „Auch einer“. Mit einem tränenden menschlichen Auge schaut das Tier in feinem Anzug seinen Betrachter an. Das Spiel mit Versatzstücken, Ikonen der Zeitgeschichte und Zeitdokumenten betreibt Laura Owens. Sie schmuggelt wie eine Computergraphikerin jüngere Nachrichten in eine überdimensional vergrößerte Seite der Los Angelos Times von 1942 und übermalt sie mit heftigen Pinselhieben.

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