Martin Walser
Geburtstage sind Arbeitstage

Der Schriftsteller Martin Walser ist am Samstag 80. Jahre alt geworden. Er feierte das Ereignis auf der Leipziger Buchmesse mit einer besonderen Lesung im Schauspielhaus. Der Abend war von erwünschten und unerwünschten Zwischenrufen geprägt.
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LEIPZIG. Zur Einstimmung in den Abend erzählte sein Verleger Alexander Fest von der ersten Begegnung mit Walser, wie dieser mit einer sanften Ohrfeige sofort die anfängliche Distanz aufhob. Vor allem aber lobte er seine Art, mit nur einem Wort Dinge zu benennen und zu Umschreiben.

"Dreiundsiebzig", waren dann die ersten Worte des Autoren an diesem Abend zu Ehren seines 80. Geburtstages. Dreiundsiebzig war das Erscheinungsjahr seines Buches "Der Sturz", aus dem er zum Anfang vorlas. Mit dem Zwischenruf musste Walser dem Laudator und Literaturkritiker Martin Lüdke auf die Sprünge helfen.

Etwas unwirsch schob Walser zur Erheiterung des Publikums das Mikrofon zur Seite, dessen Hilfe Fest und Martin Lüdke noch benötigt hatten. Sofort erfüllte seine Stimme das Leipziger Schauspielhaus und Walser zog die rund 500 Zuhörer in seinen Bann. Auch Geburtstage seien für Walser Arbeitstage hatte Lüdke gesagt. Doch die Arbeit des Vorlesens schien für Walser vor allem Spaß zu sein.

Es folgte sein neuer Gedichtband "Das geschundene Tier". Mit Zwischenrufen wie "Unsinn" und "Zeitverschwendung" störte ein religiöser Eiferer kurz den Vortrag. Doch Walser wirkte eher amüsiert. Es bestehe immer die Gefahr, Gedichte zu zerreden sagte Lüdke im Anschluss und tat trotzdem genau das.

Die immer neuen Versuche des Kritikers, Walsers Werk im Gespräch zu deuten und einzuordnen waren gelegentlich ermüdend. So versuchte er lange über einen Stilbruch nach dem Abschluss von Walsers Jugendwerk zu sprechen. "Ich kennen meinen Stil oder Sound nicht", entgegnete der Schriftsteller. Natürlich gäbe es immer Brüche und Veränderungen, doch ein 50-Jähriger könne auch nicht sagen, warum sein Gesicht jetzt genauso aussähe und nicht mehr wie mit 30.

Walser bekundete dann noch einmal sein Bedauern darüber, wie er sich 1998 gegenüber dem ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrates der Juden, Ignatz Bubis, nach den Diskussionen um seine umstrittene Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels verhalten habe. Walser hatte darin die "Instrumentalisierung von Auschwitz" kritisiert und die ständige Thematisierung des Holocausts als "Moralkeule" bezeichnet. Bubis hatte den Schriftsteller daraufhin als "geistigen Brandstifter" bezeichnet. Später nahm er diese Aussage zurück. "Aber ich war damals nicht im Stande, auf diese ausgestreckte Hand zuzugehen", bekannte Walser.

"Dass Sie Ihren Fehler so freimütig einräumen können, zeigt Ihre Größe und unterscheidet Sie wohltuend von Ihrem Kollegen Günter Grass", sagte Lüdke. Er wurde daraufhin vom Publikum ausgebuht und auch Walser winkte entnervt ab.

Es folgte der eigentliche Hauptteil des Abends. Die Zuschauer riefen Bände und Seitenzahlen aus Walsers Werk, der daraufhin die entsprechenden Stellen vorlas. Von der ersten Seite seines Debüts "Ehen in Philippsburg" von 1957, über einen Auszug seiner Doktorarbeit über Gruppenbildung bei Kafka bis zu dem im vorigen Jahr erschienen Roman "Angstblüte" präsentierte Walser so einen Querschnitt seines Schaffens.

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