Matthias Weischer
Suchbewegungen eines Künstlers

Matthias Weischer gehörte zu den Senkrechtstartern der neuen figurativen Malerei aus Leipzig. Inzwischen ist der Boom verpufft, der Maler orientiert sich neu. Seine jüngste Einzelausstellung in Leipzig zeigt einen Künstler im Experimentierstadium.
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LeipzigErfolg kann eine Last sein, besonders, wenn er sehr früh im Leben eintritt. Vor acht Jahren schloss der Maler Matthias Weischer sein Studium an der Leipziger Kunsthochschule ab. Heute ist er 38. Als eine Zentralfigur der so genannten Neuen Leipziger Schule hat er in dieser kurzen Zeit aber schon einen rasanten Aufstieg und in jüngerer Zeit auch einen sanften Abstieg miterlebt.

Womöglich wollte Weischer nie zu einer Schule zählen. Vom Verkaufserfolg der neuen figurativen Malerei aus Deutschland-Ost hat er aber profitiert wie wenige andere. Mit der Galerie Eigen + Art hat er eine namhafte Vertretung, seine Bilder waren für einige Zeit auch auf Auktionen höchst begehrt. Doch kaum ein Jahrzehnt hat es gedauert, da ist der Leipzig-Boom verpufft. Und doch muss es irgendwie weiter gehen – vor allem künstlerisch.

Revision der Bildmotive

Im Museum der bildenden Künste in Leipzig  ist jetzt in der Ausstellung „Alice, Armin und all die anderen“ zu besichtigen, wie sich der 1973 im westfälischen Elte geborene Maler neu zu orientieren versucht. Zu sehen sind nicht die bekannten Interieurs, keine collagenhaften Innenräume mit abgerissenen Tapeten voll verstaubter Muster, keine Aus- und Durchblicke, keine Requisiten wie modernistische Skulpturen oder Nierentische. Das Bildrepertoire voller kunsthistorischer Anspielungen, mit dem sich Matthias Weischer seinen festen Platz in der zeitgenössischen Kunst gesichert hat – es fehlt. Überhaupt fehlen Öl und Acryl gänzlich. Die neue Ausstellung zeigt ausschließlich Arbeiten auf Papier, darunter Radierungen, Lithographien, Zinkographien – also Zeichnungen auf Zinkplatten, die dann als Druckvorlage dienen – und so genannte Pulp Paintings, Bilder, die aus gefärbtem Zellstoff auf Papier arrangiert sind.

Ganz offensichtlich bemüht sich Weischer, den vor etwa zehn Jahre eingeschlagenen, zeitweise überaus erfolgreichen Weg zu verlassen. Ein Schlüsselereignis dürfte der Studienaufenthalt als Stipendiat in der Villa Massimo in Rom 2007 gewesen sein. In dieser Zeit nahm sich Weischer den Garten der berühmten Villa vor, aquarellierte ihn immer und immer wieder. Rasch wurde daraus ein Bildband zusammengestellt. Doch das wirkte überhastet. Allzu tastend und unausgereift erschienen diese Aquarelle, ebenso wie etwa die Radierungen, die jetzt in der Leipziger Ausstellung zu sehen sind. Künstler dürfen, ja sie sollen neue Techniken ausprobieren, wie sonst könnten Fortschritt, Entwicklung und Wandel entstehen. Aber wenn etwas so offensichtlich studienhaft und durchschnittlich wirkt wie diese Blätter, dann sind Buchdeckel und Museumsräume nicht der richtige Rahmen dafür.

Leipzig zeigt eine Momentaufnahme

Die Leipziger Weischer-Ausstellung bietet daher kein rundes Bild, präsentiert keine abgeschlossene Werkphase und enthält auch keine Arbeiten, die einmal als Hauptwerke in die künstlerische Biografie eingehen werden. Stattdessen ist sie eine Momentaufnahme und vom Charakter her eher ein Fall für einen Kunstverein oder die Galerie – sie präsentiert Experimente und Suchbewegungen eines Künstlers, der sich weigert, aus schierem Erfolgskalkül den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Zu sehen sind stattdessen Optionen. Die großformatigen, flächigen Pulp Paintings (wie das Großformat „Frau, Distel und Hund“) mit ihren groben, zum Teil abstrakten Formen zeigen einen möglichen Weg. Das in Rom aufgenommene Gartenmotiv ist in einer weiterentwickelten Form als Kreide- und Tuschelithographie mit elf Farben vertreten („Abend“) – sehr dekorativ, aber letztlich auch oberflächlich. Völlig anders dagegen die Farbradierung „Zeiger“, die eine große Ratte in einem irrwitzigen Raum aus geometrischen Figuren zeigt, ein spielerisches, surreales Motiv.

Last des Erfolgs

Wohin der Weg des Matthias Weischer führt, ist offen. Zunächst einmal ist er zurück zu den Grundlagen gegangen und experimentiert mit Techniken und Motiven. Weischer versucht offensichtlich, die Last des Erfolgs abzuwerfen. Ob dass irgendwann wieder mit etwas mehr Lustgewinn für das Kunstpublikum verknüpft sein wird, bleibt abzuwarten.

„Matthias Weischer – Alice, Armin und all die anderen“ bis 28.8. im Museum der bildenden Künste, Leipzig. Di und Do bis So 10-18 Uhr, Mi 12-20 Uhr.

Zur Ausstellung ist im Prestel Verlag, München, in der Reihe „Kunstwerkstatt“ ein Band über Matthias Weischer erschienen, in dem die Arbeiten aus der Ausstellung abgebildet sind. 72 Seiten mit 50 Abbildungen, 25 Euro.

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