Mauerfall
Wie Cees Noteboom zu einer Banane kam

Der holländische Erfolgsschriftsteller Cees Noteboom hat den Fall der Berliner Mauer persönlich miterlebt. Am Donnerstag schilderte er bei einer Diskussion über die politischen Folgen des Mauerfalls seine ganz persönlichen Erinnerungen.
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BERLIN. Am Tag des Mauerfalls fuhr der holländische Erfolgsschriftsteller Cees Nooteboom mit einem Taxi durch Berlin. Zwanzig Jahre später erinnert er sich im Max-Liebermann-Haus direkt neben dem Brandenburger Tor an seinen ganz persönlichen 9.November 1989: "Ich hörte plötzlich an der Stimme im Radio, dass da was los war. Die Fahrerin sagte: Die Mauer scheint auf zu sein, ich kann sie sofort hinfahren!"

Am Übergang Bornholmer Straße war er einer der wenigen, der sich nicht von Ost nach West, sondern in die Gegenrichtung bewegte. Er wollte zu seinem DDR-Verlag "Volk und Welt." Schmunzelnd fügt er hinzu: "Aber als ich in den Westen zurückkam, habe ich dann auch eine Banane bekommen".

Im Liebermann-Haus diskutierte Nooteboom am Donnerstagabend mit dem britischen Historiker Timothy Garton Ash über Mauerfall und die Folgen für die europäische Einigung. Die beiden stimmten in einem wesentlichen Punkt überein: Dass nämlich mit der Wiedervereinigung ein europäisches, ja weltpolitisches Problem gelöst wurde - die "deutsche Frage". Gemeint ist die Unsicherheit darüber, wohin das Land in der Mitte Europas tendieren würde, das mal zersplittert und uneins, mal ein wirtschaftlicher und politischer Koloss, mal eine aggressive Diktatur war und zuletzt ein gespaltenes Land, von dem man nicht wusste, ob dieser Zustand auf Dauer anhalten würde. Immer wieder war dies Anlass für Bündnisse mit oder gegen Deutschland. "Seit der deutschen Einheit in der EU ist das Thema einfach weg", stellten Nooteboom und Garton Ash übereinstimmend fest. Viele Leute wüssten nicht einmal mehr, was es bedeutete.

Nooteboom wies darauf hin, dass das vereinte Deutschland keinerlei Ängste mehr auslöse, was gerade in den Niederlanden nicht zu unterschätzen sei: "Schließlich kamen die ersten Deutschen, die ich sah, aus dem Himmel, das waren Fallschirmjäger". Lange habe ich deswegen ein vom deutschen Angriff geprägtes Bild gehalten. Heute dagegen würden niederländische Journalisten, wenn sie etwa über EU-Gipfel berichteten, die Kanzlerin als Stimme der Vernunft und des gesunden Menschenverstandes loben.

Unterschiede, die über Nuancen hinausgingen, gab es dennoch zwischen dem Schriftsteller und dem Historiker, die beide auf lange Erfahrungen mit und in Deutschland zurückblicken. Nooteboom war unter anderem ein Jahr, zufälligerweise 1989, als Gast des DAAD in Berlin, Garton Ash lebte in den 80er Jahren einige Zeit am Prenzlauer Berg. Während Garton Ash den Ex-Kanzler Helmut Kohl bewundert als einen, vielleicht den einzigen Politiker, der in der damaligen Zeit des Umbruchs seine Ziele rasch formuliert und voll verwirklicht habe, betont Nooteboom, Kohl habe die Gunst der Stunde gesehen und genutzt, aber auch Fehler gemacht. In seinen Berliner Notizen von 1989 - die gerade in ergänzter Form neu erschienen sind - beschrieb er ihn als ein "großes Beuteltier", dass den großen Brocken DDR nicht werde verdauen können. Auch heute noch sieht er viele Fehler, die im Prozess der Vereinigung gemacht wurden.

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