Max Liebermann: Konventionelle Möchtegern-Retrospektive

Max Liebermann
Konventionelle Möchtegern-Retrospektive

Die Bonner Liebermann-Ausstellung setzt auf den populären Maler und versäumt es, kritische Fragen zu stellen. Ihre These des Wegbereiters lässt sich nicht hinreichend überprüfen.
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BonnMax Liebermann hat erstaunliche Dinge gemalt. 1932 zum Beispiel eine Atelierecke mit Fenster in Wannsee. Auf den ersten Blick ein unspektakuläres Motiv. Wir sehen einen konventionell gemalten Innenraum mit weitgehend kahlen Wänden; eine Staffelei im Vordergrund, darauf ein prunkvoll gerahmtes, angedeutetes Landschaftsgemälde. Nun schweift der Blick links an dem Staffeleibild vorbei hoch auf das große dreiteilige Fenster und an dieser Stelle dürfte er verwundert länger verweilen. Denn was dieses Fenster einrahmt, sieht eher aus wie eine kleine Abstraktion in Triptychon-Format als wie eine Andeutung von Naturraum. Beide Lesarten sind jedoch möglich, auch bereits für Betrachter in den beginnenden dreißiger Jahren. So steht auf einer einzigen Leinwand das Unkonventionelle neben dem Konventionellen, die geordnete bürgerliche (Innen)-Welt neben dem wilden Außen. Mitte Achtzig war Liebermann damals.

Sind es solche unorthodoxen malerischen Lösungen, die Liebermann zum „Wegbereiter der Moderne“ machen? So bezeichnet ihn jedenfalls die Bundeskunsthalle Bonn im Untertitel ihrer Liebermann-Schau, die sie zudem noch gern als Retrospektive verkaufen würde. Der Besucher wird mit dieser Frage jedoch allein gelassen. Vom Konzept her ist die Ausstellung nicht auf eine schlüssige Sehschule hin angelegt. Stattdessen haben wir es mit einem chronologisch angelegten, nach Schaffensabschnitten, Themen und Genres sortierten Rundgang zu tun.

Frage nach den Auswahlkriterien

Möglicherweise hätte eine Ausstellung, die ihr selbst gestelltes Thema ernst genommen und ein vergleichendes Sehen ermöglicht hätte, auf das ein oder andere nicht entliehene Hauptwerk verzichten können. Unverzichtbar wären jedoch die Gemälde von Vorbildern, Zeitgenossen und späteren Generationen gewesen, um die These des Wegbereiters überprüfen zu können. Lediglich vier Referenzbilder wurden in Bonn eingestreut, darunter ein verloren wirkendes Blumenstück von Renoir, das einst zur Privatsammlung Liebermann gehörte und heute von der Kunsthalle in Hamburg, dem kooperierenden Ausstellungspartner, aufbewahrt wird. Worauf es sich beziehen lässt, bleibt unklar.

Sicher ist der Ausstellung nicht vorzuwerfen, sie hätte zu wenig Liebermann-Bilder aufgeboten. Es ist von Allem etwas und von Manchem viel da. Und dort wird es zum Problem. Wiederholt stellt sich die Frage, welche Kriterien der Auswahl zu Grunde lagen. Warum mussten der Handel und Privatsammler in so vielen Fällen als Leihgeber gebeten werden? Ratlos steht man etwa vor größeren Ansammlungen von Strand- und Gartenbildern, die nicht alle überzeugen. Was sollten diese Bilder belegen? Warum haben Institutionen, deren Aufgabe es ist, mit kunsthistorischer und kritischer Kompetenz Maßstäbe zu setzen, nicht rigider aussortiert?

Meistgefälschter Maler der Moderne

Gerade das umfangreiche, geheimnisvoll anwachsende Oeuvre verlangt strenge Qualitätskriterien. Immerhin zahlen Sammler für die begehrten Blumenbilder bereits vielfach sechsstellige Summen bis hin zu den 2,2 Millionen bei Grisebach im Dezember 2006 und den 3,1 Millionen Euro, die Sotheby’s London im Februar 2006 erzielte. Liebermann, der erst in den siebziger Jahren wiederentdeckt wurde, gilt als der meistgefälschte Künstler der Moderne. Bereits Ende der neunziger Jahre machten die auf dem Markt kursierenden fragwürdigen Bilder mehr als ein Zehntel des bis dato bekannten Gesamtwerks aus, schrieb Christian Herchenröder aus Anlass der Berliner Retrospektive zum 150. Geburtstag des Malers. Die Voraussetzungen dafür hat Liebermann selber geschaffen – durch seine Neigung, mit stereotypen Versatzstücken zu arbeiten, zum Beispiel bei Bäumen und Figurenstaffagen, eine vor allem für das vom Markt bevorzugte Spätwerk charakteristische skizzenhafte Pinselführung, die Affinität zur Fließbandproduktion und damit verbundene Qualitätsschwankungen. Eine Ausstellung, die Liebermann als Anreger vorführt, hätte hier genauer hinschauen müssen und dabei für interessante Entdeckungen gesorgt.

„Max Liebermann. Wegbereiter der Moderne“, bis 11. September in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn. Katalog DuMont 29,95 Euro

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