Medienkritik bei Preisverleihung
Fernsehpreis: Reich-Ranicki lehnt Ehrung ab

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hat am Samstag den Ehrenpreis des Deutschen Fernsehens für sein Lebenswerk zurückgewiesen. bei der vermeintlichen Übergabe des Preises wollte er viel lieber eine Debatte über die Qualität des Fernsehens anzetteln. Jetzt bekommt Reich-Ranicki die Gelegenheit dazu.
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HB DÜSSELDORF. Es hätte ein harmonischer Fernsehabend werden können: Die Stifter des Deutschen Fernsehpreises wollten in diesem Jahr den 88-jährigen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki mit dem Ehrenpreis des Deutschen Fernsehpreises 2008 für sein Lebenswerk auszeichnen. Dazu zählen Sendungen wie „Das literarische Quartett“ und „Lauter schwieriger Patienten“. Katharina Trebitsch verfilmt derzeit für die ARD Reich-Ranickis Biografie „Mein Leben“.

Thomas Gottschalk, der die Verleihung moderierte, würdigte den Literaturkritiker in seiner Laudatio als „faszinierenden Menschen, der Großes für das Fernsehen geleistet und Großes gesagt habe“. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund erwarteten die Veranstalter und Zuschauer einen dankbaren, vielleicht auch verlegenen Marcel Reich-Ranicki. Den hat es in der Fernsehgeschichte jedoch nie gegeben. Reich-Ranicki nahm den Preis nicht an und erklärte, „es ist schlimm, dass ich das erleben musste. Ich habe viele schöne Fernsehabende erlebt, aber nicht diesen Blödsinn. Ich möchte niemanden kränken, ich gehöre nicht in diese Reihe“.

Prämiert wurde unter anderem als beste Show „Deutschland sucht den Superstar“. Kann man Marcel Reich-Ranicki mit dieser Show, die bei Fernsehkritikern dafür bekannt ist, kein Niveau aufzuweisen, an einem Abend zusammenbringen? Reich-Ranicki soll die Trophäe – einen gläsernen Obelisk – den ganzen Abend nicht mal angefasst haben. Gottschalk übergab den Preis Katharina Trebitsch, „damit wir nicht mit leeren Händen nach Hause gehen“. Er machte Reich-Ranicki das Angebot, mit ihm und einigen TV-Verantwortlichen eine gemeinsame Sendung zu machen. Dieser Vorschlag gefiel Reich-Ranicki. Die Diskussion wird unter dem Titel „Aus gegebenem Anlass“ am Freitag nach dem „Heute-Journal“ von 22.30 bis 23.00 Uhr im ZDF ausgestrahlt werden.

Reich-Ranicki wendet sich mit seiner Kritik gegen das Medium, das ihm zu einer Bekanntheit verholfen hat, wie sie keinem anderen Literaturkritiker je zuteil geworden ist. So zierte sein Bildnis eine Bücherstütze aus Weichplastik, Lesezeichen und die Anzeigen vieler Werbekampagnen. Seine Stimme drang auch aus Geburtstagskarten, die, wenn man sie öffnete, eine seiner wenigen literarischen Lobreden abspielte. Es war und ist eben diese Stimme, die so vielen Zuschauern im Ohr lag und liegt, wenn sie an den Kritiker denken. Ihre Imitation bildete die Lebensgrundlage vieler Comedians. Nur allein mit dem Gesehen- und Gehörtwerden hat sich Reich-Ranicki aber nie begnügt. Er wollte auch gelesen werden. Kaum ein Literaturkritiker hat so viele Bücher veröffentlicht wie er. Die wenigsten Veröffentlichungen waren keine Bestseller. Bildnis oder Stimme reichten dabei immer aus, um an ein Temperament zu verweisen, an das er am Samstag bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises wieder erinnert hat.

Ob das Fernsehen mehr Qualität und Anspruch aufwies, als Reich-Ranicki selbst noch mit eigenen Sendungen zu dessen Protagonisten gehörte, kann dahin gestellt bleiben. Sendungen wie das „Literarische Quartett“ waren jedenfalls bei aller Fernsehkritik immer der gerne angeführte Beweis, dass das deutsche Fernsehen sich durchaus auch noch um Kulturbeiträge verdient mache. Völlig dahin gestellt kann bleiben, ob es bei der Kritik und der Art und Weise, wie sie formuliert wurde, nicht durchaus auch Parallelen zwischen „Deutschland sucht den Superstar“ und dem „Literarischen Quartett“ zu finden gibt. Natürlich gab es Bücher über die "Hammersprüche" eines Dieter Bohlen und es gab Bücher über die Verrisse des Marcel Reich-Ranicki. Dies liegt aber nicht an den Akteuren, sondern am Medium selbst.

Das Fernsehen fordert seit jeher andere Medien unweigerlich heraus, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Bei allen Parallelen gibt es nämlich einen entscheidenden Unterschied: Das Urteil eines Reich-Ranicki gilt allgemein als Synonym für Niveau. Nicht umsonst verlieh man ihm den Beinamen „Literaturpapst“. Mit ihm als Herausgeber war es möglich, einen Kanon deutscher Literatur zu veröffentlichen in den Sparten, von denen sein Leben geprägt ist: Romane, Erzählungen, Dramen, Gedichte und Essays. Sein Konterfei auf dem Schuber suggeriert unweigerlich Qualität. Und das zu einer Zeit, in der Formate wie „Big Brother“ und „Deutschland sucht den Superstar“ die Quoten anführten oder der neue Fransenpony einer Verona Pooth als Neuigkeit definiert wurde.

Es ist wahrscheinlich diese Sehnsucht nach Anspruch und Qualität, die Marcel Reich-Ranicki wieder erfolgreich ins Fernsehen verhelfen wird. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob bei solchen Sendungen, wie sie das ZDF plant, Autoren und ihre Literatur im Vordergrund stehen oder das Fernsehen und seine Zuschauer selbst. Fest steht eins: Marcel Reich-Ranicki wird uns medial erhalten bleiben – mit oder ohne Fernsehpreis.

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