Megachurches
Religion als Selbstbedienungsladen

In Amerika fusionieren Einkaufszentren und Megakirchen, findige US-Prediger vermarkten Religion für eine Konsumentenkultur. Experten rätseln noch, ob das nur eine spezifisch amerikanische Spielart der Religion darstellt - oder ob hier ein gesellschaftlicher Trend erkennbar wird, der auch in Europa Fuß fassen könnte.

DÜSSELDORF. Ist Religion nur ein Bedürfnis wie jedes andere, das durch bezahlte Dienstleistungen befriedigt werden kann? Ist ein religiöser Mensch möglicherweise nicht ein von Gott Berufener, sondern schlicht ein Konsument auf der Suche nach dem passenden Angebot? Ist, wie Georg Simmel in seiner „Philosophie des Geldes“ (1900) zuspitzte, Geld zum Gott geworden? Das Zusammenspiel von Religion und Wirtschaft ist ein Dauerbrenner der Soziologie seit ihren Anfängen im späten 19. Jahrhundert.

Dass Jesus in seiner einzigen Gewaltanwendung die Händler aus dem Jerusalemer Tempel vertrieb („Ihr habt eine Räuberhöhle daraus gemacht“, Lukas 19,46), hat Christen in den zwei Jahrtausenden nach dieser Tat nicht davon abgehalten, nach materiellem Gewinn zu streben. Ganz im Gegenteil: Der „Geist des Kapitalismus“ entstand – so Max Webers berühmte und umstrittene These – gemeinsam mit der „protestantischen Ethik“ derer, die die Bibel lesen und in „innerweltlicher Askese“ ihrem „Beruf“ nachgehen. Webers epochales Werk entstand unmittelbar vor und nach seiner Amerika-Reise von 1904 und ist von den Beobachtungen über die dortigen protestantischen Sekten stark geprägt.

Das Ausmaß der Symbiose von Religion und Business im heutigen Amerika hätte aber vermutlich selbst Weber nicht für möglich gehalten: Aus Einkaufszentren werden Kirchen, und der Prediger wird zum Unternehmer.

Der Soziologe David Stark von der Columbia-Universität in New York, derzeit Gast am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln, besuchte im amerikanischen Mittelwesten – konkret im Bundesstaat Oklahoma – zahlreiche „Megachurches“. Diese meist von Prediger-Ehepaaren gegründeten Organisationen mit Namen wie „The Worship Center“, „Victory Church“ oder „Life Church“ haben die großen Hallen früherer Einkaufzentren mit riesigen Videoleinwänden und farbigen Scheinwerfern zu Orten religiöser Erlebnis-Dienstleistungen umgewandelt. Sie gehören zu keiner etablierten Kirche und sind nicht an konfessionelle Dogmen oder Rituale gebunden. „Das gehört zu ihrem Marketing“, erklärt Star bei seinem Vortrag. Die Eintrittsbarrieren sollen niedrig sein.

Selbst das Kreuz hat einem dynamischen Logo Platz gemacht. Das einzige Sakrament dieser Kirche ist eine große Ton- und Lichtanlage. Die „worship experiences“ – so nennt Victory-Church-Gründer Marc Crow seine Gottesdienste vor mehreren Tausend Menschen – werden im » Internet übertragen.

„Einkaufszentrum und Kirche haben fusioniert“, erklärt Stark. Überkonfessionelle Megakirchen bieten Religion für die Konsumenten-Gesellschaft. Gottesdienste sind eine Show, die Kirche wird zum Selbstbedienungsladen. Im umfunktionierten Einkaufszentrum gibt es eine Buchhandlung und ein Schnellrestaurant. Für jede Altersgruppe und jede Lebenslage bieten die 65 Mitarbeiter von Victory Church betreute Gruppen an: zum Beispiel für Männer, die ihre Fressgier überwinden wollen, oder für Frauen, „um die Weiblichkeit, die Gott geschaffen hat und schätzt, anzunehmen und zu zeigen“.

Was geht in den Menschen vor, die in umfunktionierten Einkaufzentren vor riesigen Videoleinwänden sitzen und sich von Laienpredigern den Weg zu Gott zeigen lassen? David Stark befürchtet, dass sie die religiöse Befriedigung, die ihnen versprochen wird, nicht wirklich finden. Der nach Gott suchende Mensch ist nämlich nicht mit einem Konsumenten gleichzusetzen.

Diese spezifisch amerikanische Spielart der Religion als Teil der konsumistischen Alltagkultur ruft in Europa Unverständnis oder sogar Verachtung hervor. Stark hält es für sehr unwahrscheinlich, dass Megakirchen sich in einer stark säkularisierten Gesellschaft wie Deutschland etablieren könnten. Doch möglicherweise sind sie, so Stark, ein Indiz eines über Amerika hinausgehenden gesellschaftlichen Trends, nämlich des Ausgreifens des Unternehmertums in Bereiche, „wo es eigentlich nichts verloren hat“.

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