Merkel-Biografien
Annäherung an eine Unnahbare

Preußisch, protestantisch, erfolgreich - Angela Merkel ist für viele Beobachter ein politisches Phänomen. Auf ganz unterschiedliche Weise nähern sich Dirk Kurbjuweit und Volker Resing dem Werdegang der Kanzlerin und beschreiben ihren Wandel von der „Radikal-Reformerin“ zur „Moderatorin der Macht“. Leider fehlen ihren Büchern die eindeutigen Analysen.

BERLIN. Das Bild von Angela Merkel ist auch nach fast vier Jahren Regierungszeit diffus – darüber sind sich alle einig. Umso mehr wächst im Wahljahr der Wunsch, die „wahre“ Kanzlerin zu entdecken. Was ist „echt“ an Merkel? Ist sie die Reformerin von 2005, die nur von der nötigen Kompromisssuche in der Großen Koalition gebremst wurde? Oder setzte sie vielleicht schon immer auf einen starken Staat, der vom Krippenausbau über den Krankenkassenbeitrag bis zur Bankenaufsicht alles regeln soll?

Das ruft die Merkel-Versteher auf den Plan, denen es die Kanzlerin aber nicht leichtmacht. Denn der Wunsch nach Kontrolle der von ihr medial vermittelten Bilder ist groß. Zwei neue Bücher versuchen mit unterschiedlichen Ansätzen, sich der Unnahbaren zu nähern. Der Leiter des „Spiegel“-Hauptstadtbüros, Dirk Kurbjuweit, springt dabei in seinem Langessay gleich auf die Interpretationsebene. Wie so oft bei ihm sind die Formulierungen teilweise brillant, er liefert kluge Beobachtungen etwa über ihre Körpersprache oder ihre „totale Politik“. Dennoch scheitert er beim Versuch, die Kanzlerin wirklich zu erklären. Ein Grund ist sein Blickwinkel. Kein Politiker lässt sich allein aus der Beobachtung einer vierjährigen Regierungszeit und der eher zufälligen Reisebegleitung eines Journalisten verstehen. Es fehlt der Blick auf eine langfristige Entwicklung.

Zudem misslingt im Buch, was in einer „Spiegel“-Titelgeschichte funktionieren kann: Dort reichen einfache, klare Bilder, um einen Trend zu schildern – und ein Jahr später notfalls den gegenteiligen. Das erklärt bei Merkel den Klischee-Wandel von der „Radikal-Reformerin“ bis zur bloßen „Moderatorin der Macht“. Aber wenn Kurbjuweit versucht, die These der „Selbstauflösung“ Merkels über einen längeren Zeitraum zu belegen, kommt er ins Trudeln. Für jedes Abweichen von alten Positionen lassen sich andere wie beim Gesundheitsfonds oder dem Afghanistan-Einsatz finden, wo sie etwa klar gegen die Stimmung in der Bevölkerung Politik gemacht hat.

Das Gute ist: Man kann über die zugespitzten Thesen bestens streiten. So führt Kurbjuweit die Unentschiedenheit Merkels auch darauf zurück, dass sie wie angeblich alle Kanzler in der ersten Amtszeit vor allem auf die Wiederwahl schiele. Eher ließe sie sich aber verstehen, wenn man die Zeit seit 2005 als radikalen Realitäts-Check ansieht. Erst im Amt hat Merkel Möglichkeiten und Zwänge gespürt – und schon deshalb einige Positionen korrigiert.

Bescheidener und anspruchsvoll zugleich ist der Ansatz von Volker Resing, der sich den Glauben der CDU-Vorsitzenden vornimmt. Bescheidener ist sein Buch, weil Resing weder ein tiefgründig analytisches Werk geschrieben hat noch neue wichtige Details ihrer Biografie liefert. Aber seine Leistung besteht darin, dass er Merkels Leben und Wirken systematisch auf einen einzigen Punkt abklopft und neu sortiert: ihren Umgang mit der Religion. Durch ihre Papst-Kritik hat dieses Thema ungeahnte Aktualität bekommen.

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