Michael Moore
Kapitalismus, eine Liebesgeschichte

Er gilt als Provokateur, Agitator, als sarkastischer, selbstironischer Superman, als Popstar der amerikanischen Linken: Michael Moore. Mit „Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte“ holt der 55-Jährige jetzt zu seinem größten Schlag aus, indem er gleich mit einem ganzen System abrechnet.
  • 11

Man kennt Michael Moore als unermüdlichen, unerschrockenen Robin Hood, der im Dienste der Wahrheit, der Gerechtigkeit und des kleinen Mannes steht. Er zählt zu den originellsten Dokumentarfilmern der Geschichte – und mit Sicherheit zu den gefürchtetesten. Mit „Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte“, dem ersten Film zur Finanzkrise, kritisiert Moore das kurzfristige Profitdenken der Großkonzerne und zeigt die Auswirkungen der Krise auf den einfachen Bürger.

Mr. Moore, wie haben Sie Ihr Geld dieser Tage angelegt? Liegt es auf der Bank – oder unterm Bett?

Mein Geld liegt auf einem Sparbuch, manchmal investiere ich auch in staatliche Schatzbriefe, für die man aber kaum Zinsen bekommt. In Aktien habe ich nie angelegt, ich glaube einfach nicht daran. Ansonsten habe ich ein Haus gekauft und meinen Brüdern, Schwestern und Cousins aushelfen können.

Ihr Film verurteilt den Kapitalismus scharf und plädiert laut für den Sozialismus. Warum ist es Ihrer Meinung nach nicht legitim, in den Traum vom großen Geld verliebt zu sein?

Was ich vorschlage, ist weniger ein Sozialismus, sondern vielmehr Demokratie. Ich will gar nicht diese Dichotomie erstellen: „Kapitalismus ist schlecht, daher muss Sozialismus gut sein.“ Wir müssen in neuen Parametern denken, wir leben im 21. Jahrhundert. Und etwas finden, das in unserer Gegenwart Relevanz hat.

Wie beschreiben Sie dann dieses Konstrukt, auf das Sie hoffen?

Ich hoffe auf eine demokratische Wirtschaft, in der das Volk Mitspracherecht hat. Ich habe nichts dagegen, dass jemand Geschäfte macht, hart arbeitet und gutes Geld verdient. Nur: Das ist nicht der Kapitalismus dieser Tage! Der ermöglicht, dass ein Prozent der Weltbevölkerung über dieselbe Menge Geld verfügt wie die restlichen 99% zusammen. Das ist Wahnsinn. Und muss sich ändern.

Sind Demokratie und Kapitalismus nicht das Gleiche? Demokratie ist das politische Werkzeug, Kapitalismus das wirtschaftliche?

Nein, meiner Meinung nach ist Demokratie das Gegenteil von Kapitalismus. Kapitalismus ist ein System, das wenigen Menschen Nutzen bringt, aber das auf Kosten von vielen. Demokratie jedoch ist ein System zum Nutzen von allen. Wir leben in einer Demokratie, haben aber dennoch wenig Mitspracherecht über unsere Wirtschaft, wie sie geführt wird und wie Entscheidungen getroffen werden. Wie können wir uns mit einer Demokratie zufrieden geben, in der wir zu einer der wichtigste Fragen der Gesellschaft nicht mitreden können, nämlich: was mit dem Geld passiert?

Die Basis des Kapitalismus ist doch eine andere: Gier. Und ist Gier ein menschliches Charakteristikum...

Ja, alle Menschen sind gleich gierig. Gier ist die große, dunkle Seite in jedem von uns. Aber Kapitalismus kontrolliert die Gier nicht, sondern vergrößert und fördert sie. Deswegen brauchen wir ein anderes System, das nicht darauf basiert.

Sie beschränken sich in Ihrem Film nur auf Kritik an US-Unternehmen wie bspw. dem Fall GoldmanSachs. Warum greifen Sie keine Fälle aus anderen Ländern auf?

Nach meinen Film „Sicko“ habe ich begriffen: Sie brauchen mich nicht, damit ich in Ihr Land komme und Ihnen sage, was Sie längst wissen. Das können Dokumentarfilmer aus Ihren eigenen Land besser. Gerade weil dieser Film sich so stark auf Amerika konzentriert, ist er für Sie interessant: Ich öffne ein Fenster in die USA, das Sie von CNN nicht bekommen. Sie erfahren Dinge, die Sie sonst nicht erfahren hätten. Und nach dem Kino können Sie nachdenken, ob die zunehmende Privatisierung auch bei Ihnen nicht so toll ausgehen könnte. In den USA hat sie für viel Korruption gesorgt.

Ist Obama in Ihren Augen ein Sozialist?

Ich finde schon. Er fordert, dass auch Joe, der Klempner, also der Mittelklasse-Amerikaner, etwas vom Wohlstand abbekommt. Was hat man ihn dafür angegriffen! Denn Obama sprach das wesentliche Gebot des Sozialismus aus: dass es eine gleichmäßige Verteilung des Reichtums geben müsse.

Und, passiert es schon in den USA?

Dazu ist Obama noch nicht lange genug im Amt. Der Mann hat eine Katastrophe geerbt, von einem verrückten Präsidenten, der das Land und auch die Welt beinahe zerstört hätte. Wie er das in zwölf Monaten oder selbst zwölf Jahren reparieren soll, ist mir zu hoch! Offen gesagt versteh’ ich nicht mal, dass er diesen Job überhaupt wollte. Ich bewundere Obama sehr und traue ihm zu, dass er nach allen Kräften versucht, den Karren aus dem Dreck zu ziehen, wenn seine eigene Partei sich ihm nicht in den Weg stellt.

Wenn man sich den Verlauf von Obamas Gesundheitsreform anschaut, kommen einem schon Zweifel.

Ja, wir müssen dabei ziemlich idiotisch aussehen, als würden wir uns mit Händen und Füßen gegen eine Krankenversicherung wehren.

Stimmt.

Nun, die Mehrheit der Amerikaner würde auch Irak nicht auf einer Landkarte finden. Wir besetzen Länder erst und dann finden wir raus, wo sie liegen. Achtzig Prozent der Amerikaner besitzen keinen Pass. Und viele sind verdammt unwissend, was aber an dem inadäquaten, fehlfinanzierten Schulsystem liegt.

Seite 1:

Kapitalismus, eine Liebesgeschichte

Seite 2:

Kommentare zu " Michael Moore: Kapitalismus, eine Liebesgeschichte"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • @ backermeisterbullerjahn (8)
    "Gibt es nicht den Ausspruch eines bekannten Kommunisten (leider haben mich Kommunisten nie so interessiert, sodaß ich seinen Namen nicht mehr weiß)."

    Wladimir iljitsch Uljanow genannt Lenin

  • @ Yahel
    "Kommunisten oder ihnen nahestehenden intellektuellen hat es im Kapitalismus immer gefallen."

    Gibt es nicht den Ausspruch eines bekannten Kommunisten (leider haben mich Kommunisten nie so interessiert, sodaß ich seinen Namen nicht mehr weiß). der erklärte:
    "Die Kapitalisten werden uns den Strick verkaufen, an denen wir sie aufhängen"

    ich fürchte wir haben die 5te Kolonne dieser Kommunisten wieder in unserem Land

  • @ Yahel
    "Kommunisten oder ihnen nahestehenden intellektuellen hat es im Kapitalismus immer gefallen."

    Gibt es nicht den Ausspruch eines bekannten Kommunisten (leider haben mich Kommunisten nie so interessiert, sodaß ich seinen Namen nicht mehr weiß). der erklärte:
    "Die Kapitalisten werden uns den Strick verkaufen, an denen wir sie aufhängen"

    ich fürchte wir haben die 5te Kolonne dieser Kommunisten wieder in unserem Land

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%