Michelangelo Pistoletto
Utopie und Aufklärung

Der italienische Künstler Michelangelo Pistoletto stellt sein Lebenswerk zurzeit im Louvre aus. Bindeglied ist sein utopisches Konzept eines „Dritten Paradieses“. Besuchern, die dem nicht folgen wollen, fotografieren sich und die Kunst in den raumhohen Spiegel-Bildern des Künstlers.
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Paris„Maestro“ nennen die Mitarbeiter des Louvre den italienischen Künstler Michelangelo Pistoletto respektvoll. Sie haben den 80-Jährigen, der Ende der 1960er-Jahre die mit „armen“, naturnahen Materialien schaffende Kunstbewegung der „Arte Povera“ mitbegründete, eingeladen, seine Arbeiten ausgewählten Werken ihres Museums gegenüberzustellen. Pistoletto nutzte die Chance und machte daraus einen eigenen Spaziergang durch die Kunstgeschichte – mit utopischem Anspruch.

Im Gleichgewicht

Pistolettos Ausstellungstitel „Jahr 1, das Paradies auf Erden“ bezieht sich auf Pistolettos utopisches „Drittes Paradies“, in dem Kunst, Kultur, Wissenschaft und Technik sich in einem Gleichgewicht befinden und eine Veränderung der Menschheit bewirken sollen. Symbol dafür ist Pistolettos auf drei Schleifen erweitertes Unendlichkeitszeichen auf der Pyramide, dem Haupteingang des Louvre. Seit 1998 arbeitet der Künstler gemeinsam mit anderen Künstlern und Gestaltern an diesem utopischen Konzept in seiner Stiftung „Cittadellarte-Fondazione Pistoletto“, die er in seiner Geburtsstadt Biella gründete.

Gedränge vor der Mona Lisa

Im Louvre platziert er sein Lebenswerk in gezielter Konfrontation mit bedeutenden Werken der Kunstgeschichte. Der Rundgang beginnt im Bereich der Fundamente des mittelalterlichen Museumsbaus; er führt über die Säle der Antike bis zur langen „Galerie“, die zu Leonardo da Vincis „Mona Lisa“ hinleitet. Wiederholt begegnen sich die Besucher ihrem eigenen Spiegelbild. Pistolettos riesige Bilder mit Spiegelflächen mit applizierten, lebensgroßen Menschenfotos reflektieren die Kunstwerke des Louvre, aber auch diejenigen, die ihretwegen in das Museum gegangen sind. Sie folgen den „Spiegel-Bildern“ bis zum Saal der „Mona Lisa“, wo sich die Menge um das berühmteste Gemälde der Welt drängt. Die Kunsttouristen fotografieren einander vor der „Mona Lisa“, statt das Kunstwerk zu betrachten. Pistoletto hält ihnen mit seinem Werk buchstäblich einen Spiegel vor.

Schwebende Schleife

Im hellen Skulpturen-Innenhof, dem „Cour Marly“, installierte Pistoletto seine riesige Dreifachschleife aus bunten Stoffen. Anmutig schwebt sie unter dem Glasdach. Dabei wird sie allerdings von einem zwölf Meter hohen Obelisken durchbohrt. Der mit Spiegeln beklebte Obelisk, in dem man ein Sex- und Machtsymbol sehen kann, spiegelt die Mauern des „Cour Marly“ und die Wolken über dem Glasdach und vervielfältigt die Farbenpracht der Stoffe, die von einem er Sponsoren geliefert wurden. Pistolettos utopisches Paradies kommt nämlich ohne Sponsoren nicht aus.

„Michelangelo Pistoletto,Année un – Le paradise sur terre läuft bis 2. September 2013 im Musée du Louvre, Paris. Pistolettos utopisches Konzept des „Dritten Paradieses“ wurde erstmals im Rahmen des weltweit von Kunstinstitutionen begangenen „Rebirth-day“ am 21. Dezember 2012 zelebriert. Eine Dokumentation ist Teil der Ausstellung.

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