„Millionärswahl“: ProSieben will mehr Demokratie wagen

„Millionärswahl“
ProSieben will mehr Demokratie wagen

Der Auftakt der ProSieben-Show „Millionärswahl“ war eine Katastrophe: Ein komplizierter Wahlmodus führte den Demokratiegedanken ad absurdum und löste einen Shitstorm im Netz aus. Jetzt sollen die Regeln geändert werden.
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DüsseldorfEigentlich wollte sich die neue ProSieben-Show „Millionärswahl“ von den üblichen Casting-Shows abheben. Keine Jury-Oligarchen, die alleine darüber entscheiden, welcher Kandidat am Ende gewinnt. Die Abstimmungsgewalt sollte stattdessen dem Publikum übergeben werden . Der Sender begab sich vollmundig auf die Suche nach dem „ersten demokratisch gewählten Millionär“.

So weit die Theorie. In der Praxis fühlte sich der „Demos“ (das Staatsvolk) nach der ersten Sendung am Donnerstagabend ziemlich veräppelt. Denn das Abstimmungssystem der Sendung war nicht wirklich demokratisch. Am Ende zählten die Stimmen, die die Kandidaten untereinander verteilen konnten, überproportional mehr als die der Zuschauer, weswegen am Schluss der ersten Ausscheidungsrunde ein Breakdancer weiterkam, den die Mehrheit des Publikums gar nicht gewählt hatte.

Die Zuschauer wollten eigentlich Ralf Zanders ins Finale wählen, der stellvertretend für sein schwerkrankes Patenkind Neele antrat, um Geld für die Behandlung zu gewinnen. Obwohl er in der Zuschauergunst deutlich vorne lag, kam er am Ende doch nicht weiter, weil die Stimmen der Band „Gift“ ausreichten, um den Konkurrenten Benedikt Mordstein die Show gewinnen zu lassen.

Ralfs Fans machten anschließend im Netz ihrem Ärger über ProSiebens defekte Demokratie Luft. Der Sender wurde so sehr von diesem Shitstorm auf Twitter und Facebook überrollt, dass er kurz nach der Sendung ein Spendenkonto für Ralfs kranke Patentochter Neele twitterte – zur Schadensbegrenzung.

Selbst Moderator Elton entschuldigte sich für den Verlauf der Sendung auf seiner Facebook-Seite: „Ich kann euren Unmut absolut verstehen. Auch ich bin überrascht, weil keiner so wirklich damit gerechnet hat. Trotzdem war die Show an sich ja sehr gut. Schiebt es aber bitte jetzt nicht auf mich. Das ist nicht fair.“

Am Freitagmittag schließlich kündigte der Sender über Twitter an, das Wahlverfahren umgehend zu ändern. So hatte der Netz-Protest der enttäuschten Zuschauer letztlich doch einen demokratischen Effekt. Dennoch war die Auftaktsendung aus Sicht der Formatentwickler ein glattes Desaster. Und so ist es fraglich, ob die nächste Sendung die ohnehin schwache Quote von 1,89 Millionen Zuschauern überhaupt noch erreicht.

Anis Micijevic ist freier Journalist und schreibt für Handelsblatt Online. Quelle: Armin Dahl / Handelsblatt Online
Anis Micijevic
Handelsblatt / Spätdienst Online + Mobile

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