Minimum
Schirrmacher bringt das Blut in Wallung

Wie wird sich das Leben späterer Generationen ändern, wenn der Einzelne immer weniger leibliche Verwandte hat? Verlieren Menschen ohne die Erfahrung, Kinder großzuziehen, die Fähigkeit zu Solidarität und Selbstlosigkeit? All diese Fragen stellt Frank Schirrmacher in seinem Buch "Minimum".

KÖLN. Blut ist dicker als Wasser - das ist keine aufregende, keine neue Erkenntnis. Aber sie passt in unsere Zeit. Denn wenn der Sozialstaat Federn lässt und Wohlfahrtsaufgaben nicht mehr nachkommen kann, ist es verführerisch auf die kleinste gesellschaftliche Einheit, die Familie, als Rettungsanker zurückzugreifen.

Genau das tut Frank Schirrmacher in seinem Buch "Minimum". Angesichts der Bevölkerungsentwicklung, so die These des "FAZ"-Herausgebers, würden unsere sozialen Beziehungen in den nächsten Jahrzehnten minimiert und strapaziert. Er wirft spannende Fragen auf: Wie wird sich das Leben späterer Generationen ändern, wenn der Einzelne immer weniger leibliche Verwandte hat? Verlieren Menschen ohne die Erfahrung, Kinder großzuziehen, die Fähigkeit zu Solidarität und Selbstlosigkeit? Wenn ja, wie muss eine Gesellschaft reagieren? Für Schirrmacher ist klar: Sie muss alles daransetzen, Familie attraktiv zu machen. Familie als "Schicksalsgemeinschaft", "Urgewalt", "Überlebensfabrik" - darunter macht es der Vater eines Sohnes nicht. Seine Thesen unterlegt er mit historischen Ereignissen, der "Donner-Pass"-Tragödie um einen eingeschneiten Siedlertreck des 19. Jahrhunderts und einem Hotelbrand auf der Isle of Man 1986. Beide Male überlebten mehr Angehörige von Familien, während Einzelkämpfer oder locker verbundene Menschen schlechtere Überlebenschancen hatten.

Wie schon mit dem Buch "Methusalem-Komplott" über die alternde Gesellschaft, das sich seit 2004 rund 700 000-mal verkauft hat, will Schirrmacher in alarmistischem Ton verstören, aufrütteln und die (deutsche) Welt zum Guten wenden. Der jüngste Geburtenalarm der Statistiker kommt da gerade recht: Die ersten 100 000 Bücher sind bereits wenige Tage nach Erscheinen verkauft, die zweite Auflage ist in Druck.

"Minimum" ist eine Idealisierung des Familienverbands in Zeiten knapper werdender materieller Ressourcen und sich wandelnder sozialer Netzwerke. Vor allem Frauen erweisen sich in Krisensituationen als Bindungskräfte und sich aufopfernde Wesen. Man darf gespannt darauf sein, ob sie die ihnen von Schirrmacher zugewiesene "Schlüsselrolle" als "Verwandtschaftsbewahrer" und Vertreter einer "moralischen Ökonomie" - sprich: umsonst - werden übernehmen wollen.

FRANK SCHIRRMACHER Minimum Blessing Verlag, München 2006 185 Seiten, 16 Euro

Thomas Ludwig
Thomas Ludwig
Handelsblatt / EU-Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%