Mit gigantischem Aufwand erscheint morgen der sechste Harry-Potter-Band
Muggel, Mythos, Marketing

Der Papst mag Harry Potter nicht: Schon als Kardinal machte Joseph Ratzinger unmissverständlich klar, dass ihm der gewiefte Zauberlehrling und sein übernatürliches Umfeld ein Dorn im Auge sind. Es seien "subtile Verführungen", die das "Christentum in der Seele zersetzen", schrieb er einer Potter-Kritikerin.

Nimmt man diese Aussage als Maßstab, dürfte Papst Benedikt XVI. die kommende Nacht als besonders unangenehm empfinden. Dann will Joanne K. Rowling den sechsten Harry-Potter-Band der Öffentlichkeit präsentieren. Eine perfekt geplante Inszenierung: Siebzig Kinder werden in Pferdekutschen zum schottischen Edinburgh Castle fahren. Um eine Minute nach Mitternacht wird ihnen Rowling aus "Harry Potter and the Half-Blood Prince" vorlesen. Die 8- bis 16-Jährigen sollen als "Jungreporter" über die Buchpremiere berichten - begleitet von Fernsehteams, die das Ereignis in vielen Ländern übertragen werden.

Gigantisch ist der Marketingaufwand, bescheiden sind die Erwartungen der deutschen Buchhändler: "Ein Harry Potter macht noch kein Weihnachtsgeschäft", sagt Dieter Schormann, Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, im Gespräch mit dem Handelsblatt. "Die ersten beiden Bände hatten noch für Zusatzgeschäfte gesorgt. Bei den Bänden drei, vier und fünf hat es diesen Effekt nicht mehr gegeben." Den größten Ansturm erwarten die Händler zwischen Flensburg und Konstanz sowieso erst am 1. Oktober, wenn im Carlsen Verlag die deutsche Version erscheint.

Aber Harry Potter schafft es offenbar nicht, den deutschen Handel zu beflügeln. Dafür macht der Branchenverband auch den niedrigen Preis der englischen Ausgabe verantwortlich, die nicht unter die deutsche Buchpreisbindung fällt. Der Börsenverein prognostiziert für den neuen Potter einen Umsatz von gerade einmal 60 Millionen Euro - im Vergleich zum Gesamtumsatz der Branche von 9,1 Milliarden Euro ein eher mickriger Betrag.

Deutlich mehr Optimismus als der Börsenverein verbreiten die deutschen Verlage. Viele Anbieter erwarten einen Umsatzschub bei Kinderbüchern, ausgelöst durch den jungen Zauberer. So rechnet etwa Jörg Pfuhl, Chef des größten deutschen Buchkonzerns Randomhouse, mit einem "positiven Effekt" für die Branche. "Wir haben unser Kinder- und Jugendbuchangebot ausgeweitet." Dieser Optimismus passt schon eher ins weltweite Bild der Potter-Mania: So hat der deutsche Ableger des Internethändlers Amazon schon mehr als 100 000 Vorbestellungen registriert. Und allein in den Vereinigten Staaten werden zur Erstauflage 10,8 Millionen Exemplare gedruckt.

Dass Harry Potter inzwischen vor allem als ökonomisches Phänomen gesehen wird, bestätigt Stephen Brown in seiner Einschätzung. Der Professor an der nordirischen Universität Ulster verdient selbst mit am Potter-Boom. In seinem gerade erschienenen Buch über die "Botschaft des Zauberlehrlings" vertritt er die These, Harry Potter sei das personifizierte Marketing.

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