Kultur + Kunstmarkt
Mit Nylonstrumpf und Zitronenblättern

Hin- und hergerissen legt man nach der Lektüre den neuen Roman des Nobelpreisträgers J. M. Coetzee zur Seite. Hätte sich der 65-jährige südafrikanische Autor auf die ersten 150 Seiten beschränkt, wäre "Zeitlupe" ein großer literarischer Wurf geworden. Am Ende aber lässt der Autor nach. Die zweite Hälfte des Buches wirkt wie ein opulenter essayistischer Bluff.

Das Leben des Protagonisten Paul Rayment, eines Fotografen im Vorruhestand, ändert sich binnen Bruchteilen einer Sekunde. Er ist mit dem Fahrrad unterwegs, als er vom Auto eines jugendlichen Rasers erfasst wird. In der Klinik konfrontiert man ihn mit der schockierenden Botschaft, dass ihm ein Bein amputiert werden muss. Das ist schon schlimm genug, aber für Rayment gerät die Welt endgültig aus den Fugen, als er hört: "Bei einem Jüngeren hätten sie vielleicht eine Rekonstruktion in Erwägung gezogen." Sein ganzes Leben wird künftig in "Zeitlupe" stattfinden, der Mobilität beraubt und auf fremde Hilfe angewiesen.

Coetzees Hauptfigur ist ein kauziger Einzelgänger. Er muss mit seinen körperlichen und seelischen Qualen allein fertig werden. Eine Prothese lehnt er hartnäckig ab, weil ihm dabei immer surrealistische Bilder von Dalí durch den Kopf gehen. Ein alter, behinderter Mann, der sich nicht helfen lassen will - Coetzee hat hier ein scharf konturiertes Bild eines Einzelgängers gezeichnet, der "an sich selbst krankend" immer verbitterter wird.

Eine abrupte Wende tritt ein, als ihm Marijana Jokic als neue Pflegerin zugeteilt wird. Die verheiratete Frau und Mutter von drei Kindern ist ihm sofort sympathisch. Sie nimmt ihn und seine Behinderung ernst und redet auch offen mit ihm darüber. "Sie ist die erste Frau seit seinem Unfall, die sein sexuelles Interesse erregt", heißt es über Rayments Innenleben. Er bietet ihr finanzielle Hilfe für die Ausbildung ihres ältesten Sohnes an und offenbart seine Gefühle. Der geschiedene, kinderlose Protagonist will sich offenkundig in eine halbwegs intakte Familie "einkaufen".

Daraufhin zieht sich Marijana zurück. Rayment ist wieder allein. Auf seiner Gefühlskurve geht es wieder steil abwärts. Unvermittelt taucht dann in seiner Wohnung die Schriftstellerin Elizabeth Costello auf, die über seinen Unfall und sein gesamtes Vorleben erstaunlich gut informiert ist.

Sie will aber nicht etwa für einen neuen Roman recherchieren, sondern beginnt, Einfluss auf die Handlung zu nehmen. Sie arrangiert für Rayment ein Rendezvous mit einer blinden Frau namens Marianna. Die Augen des Protagonisten werden mit Zitronenblättern und einem Nylonstrumpf verklebt, da er sein Gegenüber nicht sehen darf. Die blinde Marianna als Ersatz für die angebetete Marijana?

Danach gibt es kein Halten mehr. Elizabeth Costello mutiert zu einem bevormundenden Über-Ich des Protagonisten. Sie analysiert sein Leben, sie erklärt ihre Bücher und philosophiert über Gott und die Welt: "Fragen Sie mich nicht, wie ich das schaffe, es ist keine Magie, ich tue es einfach."

Magie ist es wahrlich nicht, was sich im zweiten Teil des Buches offenbart. Hier wird leider eine ernste, problemorientierte Romanhandlung (Behinderung, Alter, Singledasein) durch verbale Lufttrommelei zerredet.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%