Mitten im US-Wahlkampf erhitzen die kämpfenden Marionetten von „Team America“ die Gemüter
Puppen gegen das Böse

Eine ganz neue Weltpolizei macht sich in Amerika auf, die Achse des Bösen zu brechen. Willkommen bei „Team America: World-Police“. So heißt der kontroverse Streifen von den preisgekrönten „South Park“-Erfindern Trey Parker und Matt Stone, der seit einigen Tagen die Gemüter in den USA erhitzt. Im heißen US-Wahlkampf wird die Terrorsatire, deren Hauptdarsteller Marionetten sind, zum Politikum.

Amerikas konservative Politiker witterten gar eine linke Verschwörung kurz vor der Wahl des US-Präsidenten am 2. November, und die Kinozensoren der Motion Picture of America (MPAA) waren stinksauer, weil sie sich wegen einer Sexszene zwischen zwei Holzpuppen von Trey Parker und Matt Stone veralbert fühlten.

Internetkolumnist Matt Drudge war einer der Ersten, der den Kinofilm als „politisches Werkzeug der linken Hollywood-Mafia“ outete. So warnte der konservative Journalist auf seiner Web-Site schon Wochen vor der Veröffentlichung des Streifens, dass sich die „Paramount Studios mit dem Film über den Kampf gegen den Terror lustig machen“.

Denn in „Team America“ versammelt sich eine Gruppe von kämpferischen US-Helden, um den Terroristen den Garaus zu machen. Freilich zerstört das Marionettenteam dabei so ziemlich jeden kulturellen Schatz, den unser Globus beherbergt. Der Eiffelturm muss genauso dran glauben wie die Sphinx. Selbst der Panama-Kanal wird in die Luft gejagt. Keine Frage: Das ist eine eindeutige Anspielung auf die viel zitierte Weltpolizeiattitüde Amerikas.

Das „Wall Street Journal“ zitierte Howard Kaloogian, den Sprecher der konservativen Organisation „America Forward“, der erklärte, dass es „zu Zeiten des zweiten Weltkriegs unmöglich gewesen wäre, sich so über den Kampf gegen die Nazis lustig gemacht zu haben.“ Aus den Kreisen der Republikaner war zu hören, dass mit „Team America“ eindeutig der Ausgang der Wahl beeinflusst werden soll, indem „Stimmung gegen die Politik von Präsident Bush gemacht werde.“

Parker und Stone, jene exzentrischen Filmemacher aus Kanada , die sich gerne auch schon mal als Jennifer Lopez und Gwyneth Paltrow ausgeben und als solche verkleidet bei der Oscar-Verleihung in Los Angeles auftauchen, freuen sich zwar über die kostenlose Werbung, fühlen sich aber gleichzeitig völlig missverstanden. „Der Film steht als Metapher“, sagt Stone. Und weiter: „Wir wollen mit dem Film keine Politik in Amerika machen, vielmehr machen wir uns über Amerikas Gegner lustig.“

Aber im gleichen Atemzug lässt das kreative Duo auch seinen Ärger über die „liberale Hollywood-Mafia“ aus. Da führt der böse Alec Baldwin, ein bekennender Bush-Gegner, eine Ansammlung von Schauspielern an, die sich mit Nordkoreas Diktator Kim Il Sung verbündet haben und mit aller Macht versuchen, die World-Police zum Scheitern zu bringen. Über die Irak-Besuche des Hollywood-Stars Sean Penn machen sie sich genauso lustig wie über Tim Robbins Engagement im Kampf gegen den amerikanischen Konservativismus.

Als sei der politische Zündstoff nicht gefährlich genug, so wagen sich Parker und Stone auch noch gleich an die nächste heilige Kuh in Hollywood: das Thema Sex. Eine Liebesszene zwischen zwei „Team America“-Mitgliedern war der MPAA zu wüst. Die Zensoren wollten dem Streifen das äußerst seltene NC-17 Rating verpassen. Damit hätte niemand, der jünger als 17 Jahre ist, den Film sehen dürfen. „Wir haben insgesamt acht Versionen der Sexszene eingeschickt“, so Scott Rudin, Produzent des Films.

Enge Freunde von Parker und Stone behaupten, die Filmemacher hätten einen „Heidenspaß“ gehabt, den recht konservativen Zensoren immer wieder neue Versionen des Corpus Delicti zuzusenden. Am Ende kam dann doch ein R-Rating heraus. Jetzt dürfen Teenager unter 18 Jahren den Film in Begleitung von Erwachsenen anschauen. Nach dem ersten Wochenende stand der Film allerdings nur auf Platz 3 der Kinocharts.

„Ich verstehe die Aufregung um unseren Film nicht“, sagt Matt Stone. „Wenn du dir die ersten 40 Minuten des Films anschaust, denkst du, dass Michael Moore das Skript geschrieben hat. Dann siehst du die nächsten 40 Minuten, und du glaubst, dass wir die größten Rechtsradikalen sind, die es in den USA gibt“, fährt er fort. Er will damit ausdrücken, dass er und sein Partner offenbar selbst nicht so genau wissen, ob sie überhaupt eine Meinung vertreten wollen in diesem neunzigminütigen Feature. „Heutzutage musst du ständig eine Seite wählen, ständig sagen, für wen oder gegen wen du bist. Dagegen wollen wir uns stemmen“, fällt ihm sein Komplize Parker ins Wort.

Tatsächlich sollte „Team America“ in erster Linie die in den vergangenen Jahren immer irrwitziger werdenden Actionstreifen Hollywoods karikieren. „Wir wollten uns eigentlich über die Actionfilme à la Jerry Bruckheimer lustig machen, aber eben diesmal mit Marionetten“, so fasst Stone die ursprüngliche Absicht von „Team America“ zusammen.

Die politische Lawine, die der Film kurz vor der Wahl losgetreten hat, war demnach ebenso ungewollt wie der „wahnsinnige Arbeitsaufwand“, der mit diesem Film verbunden war. Stone, den die Kontroverse im Moment „herzlich wenig interessiert, will jetzt „nur noch schlafen und Ferien machen“. Und dann geht’s zurück zur TV-Serie „South Park“. Material für die nächste Saison dürfte es genug geben – entweder mit dem alten oder einem neuen Präsidenten als Zielscheibe.

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