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Mommsen: Großer Historiker mit sozialer Verantwortung

Wolfgang Mommsen hat als bedeutender Historiker die Geschichtswissenschaft in Deutschland über Jahrzehnte mitgeprägt. Erschüttert bestätigte am Abend sein Zwillingsbruder Hans Mommsen - ebenfalls ein bedeutender Historiker - den ihm von der Polizei mitgeteilten Badeunfall in der Ostsee, bei dem sein Bruder ums Leben kam.

dpa HAMBURG. Wolfgang Mommsen hat als bedeutender Historiker die Geschichtswissenschaft in Deutschland über Jahrzehnte mitgeprägt. Erschüttert bestätigte am Abend sein Zwillingsbruder Hans Mommsen - ebenfalls ein bedeutender Historiker - den ihm von der Polizei mitgeteilten Badeunfall in der Ostsee, bei dem sein Bruder ums Leben kam.

Mit seinen engagierten Stellungnahmen und Urteilen aus einer sozial-liberalen Grundhaltung heraus trug Wolfgang Mommsen (73) zum Selbstverständnis der Bundesrepublik bei. Und er fand klare, aber ausgewogene Worte über das Versagen führender deutscher Historiker in der NS-Zeit. Er promovierte und habilitierte bei dem Wissenschaftler Theodor Schieder.

Wolfgang Mommsen war zur Zeit der Wende Vorsitzender des Verbandes der Historiker Deutschlands. Beim Historikertag 1990 in Bochum widersprach er entschieden dem Vorwurf, die deutschen Historiker hätten nach 1945 die nationale Tradition vernachlässigt und zu einer verhängnisvollen Schwächung des nationalen Gedankens beigetragen. Er verwies darauf, dass ohne ihre kritische Haltung gegenüber Deutschlands Vergangenheit die neue Einheit nicht möglich gewesen wäre.

Ähnlich wie der berühmte Theodor Mommsen, der 1902 für seine „Römische Geschichte“ mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde, hatte sich Urenkel Wolfgang stets auch als konfliktfreudig und mit pointierter Schärfe präsentiert. Im „Historikerstreit“ Mitte der 80er Jahre bezog Wolfgang wie sein Bruder Hans entschieden Position gegen Ernst Noltes These vom „kausalen Nexus““ (Zusammenhang) zwischen den bolschewistischen und den NS-Verbrechen.

Wolfgang setzte sich auch kritisch mit dem stark beachteten, Deutschland entlastenden Buch des englischen Historikers Niall Ferguson über den Ersten Weltkrieg, „Der falsche Krieg“, auseinander. Im Fragebogen des einstigen Magazins der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ nannte er bei der Frage nach der am meisten bewunderten militärischen Leistung - meist mit „keine“ beantwortet - ganz unkonventionell: „Die Abwehrschlachten an der Somme 1917“.

Ein Schwerpunkt der wissenschaftlichen Arbeit von Wolfgang Mommsen war die Geschichte des deutschen Kaiserreichs und das Thema Imperialismus. Den Weg des Kaiserreichs in den Ersten Weltkrieg analysierte der Historiker in seinem 2002 erschienenen Werk „Die Urkatastrophe Deutschlands“. In der renommierten Propyläen Geschichte Deutschlands ist Wolfgang mit den Bänden von 1850 bis 1918 vertreten. Die Publikation „Das Ringen um den nationalen Staat“ (1991) galt bald als Standardwerk. In seiner gesamten Laufbahn widmete er sich dem Soziologen Max Weber und gehörte zu den Herausgebern der Max-Weber- Gesamtausgabe. Anfang 2002 leitete Mommsen die Arbeitsstelle Düsseldorf der Max-Weber-Gesamtausgabe.

Auffallend ist die Parallelität in der akademischen Karriere der aus Marburg gebürtigen Söhne des Historikers Wilhelm Mommsen. Beide promovierten 1959, Hans in Tübingen, Wolfgang in Köln, sie habilitierten sich 1967 und beide erhielten 1968 ihren ersten Ruf als ordentliche Professoren, Hans nach Bochum, Wolfgang nach Düsseldorf. Dort haben sie bis zu ihrer Emeritierung 1996 gelehrt, allerdings mit bedeutsamen Unterbrechungen. Wolfgang war acht Jahre (1977-1985) Leiter des Deutschen Historischen Instituts in London.

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