Münchener Kunstherbst IV
Das Geheimnis der weißen Vasen

Eine der schönsten und elegantesten Gefäßgruppen des Klassizismus wurde aller Wahrscheinlichkeit in Berlin entworfen. Das ergaben die Forschungen von Kunsthistorikern um den Kunsthändler Frank C. Möller. Da die Vasen nicht signiert waren, kamen sie in späteren Zeiten als französische Werke auf den Markt. Bedeutende Museen sind dieser Zuschreibung bislang gefolgt. Es sieht so aus, als hätten sie sich geirrt.
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München„Es muss günstig, es muss neu, es muss ästhetisch sein und soll einen mythologischen Faden in sich tragen.“ Frank C. Möller zählt die Gründe für die Herstellung einer der schönsten und elegantesten Gefäßgruppen des Klassizismus auf. Dabei fährt er Auto. Und während der Hamburger Kunsthändler Richtung München steuert, entrollt er mit beschwörender Intensität die Bausteine einer kunsthistorischen Recherche, an deren Ende auch die Marktgeschichte umgeschrieben werden muss.

Möllers Vasen aus Flussglas gehören zu den betörenden Augenfängern der Highlights – Internationale Kunstmesse München. Wie ein Hauch dringt das Licht durch ihre makellos matt geschliffenen weißen Gefäßwände, auf denen zierlich-elegante Henkel- und Rankenapplikationen in vergoldeter Bronze die Akzente setzen. Ihren Namen haben sie durch die Beimengung von Calziumfluorid, den sog. Flussspat. Natürlich haben die zu Preisen zwischen 12.000 und 125.000 Euro angebotenen Schönheiten längst Aufsehen erregt. Im März auf der Tefaf in Maastricht schlugen sie namhafte Museumskuratoren in ihren Bann, mit dem Ergebnis, dass zwei angesehene US-Sammlungen, das Metropolitan Museum in New York und das Corning Museum of Glass im Staat New York, bereits zugriffen.

Der Anteil der Architekten

Die Vasen-Gruppe, die Möller in Zusammenarbeit mit Fachleuten bald zu publizieren gedenkt, umfasst 15 neu entdeckte Exemplare. Elf weitere Objekte befinden sich bislang unerkannt in Museen und Privatsammlungen. Sie entstanden ab etwa 1795 und offensichtlich auch während der napoleonischen Besetzung in Berlin. Von ihrer Form her deuten sie auf eine Mitwirkung von Friedrich Gilly (1772-1800) und ihm nachfolgend auf seinen Schüler Karl Friedrich Schinkel (1781-1841). Das ist eine erschütternde Behauptung; denn bislang wurden die Hersteller in Frankreich, Schweden oder Russland vermutet.

Möller fand etliche Skizzen mit Ideen für Leuchter der Berliner Bronze-Fabrik Werner & Mieth, deren Formen sich in den Vasen wieder finden. Es sind Ideen aus der Frühzeit Gillys und Schinkels. Eine irre Entdeckung, wie amerikanische Museumskuratoren Möller bescheinigten. Dabei steht der letzte Beweis nach Ansicht des Händlers noch aus.

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Der Zeichner bei KPM

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Fund in Böhmen

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