Münchner Wissenschaftler
Spuren von Antisemitismus in Wagners Werk

Dass Wagner ein Judenfeind war, ist heute Konsens in der Forschungslandschaft. Dass diese Haltung aber auf sein Werk abfärbte, ist umstritten. Ein Wissenschaftler sieht sehr wohl Spuren von Antisemitismus in den Opern.

MünchenDer Wissenschaftler und Wagner-Kenner Jens Malte Fischer sieht in Richard Wagners Werk Hinweise auf dessen Judenfeindlichkeit. „Ich gehöre zu der Minderheit, die sagt, es gibt Spuren von Antisemitismus in Wagners Werk. Die Mehrheit der Forscher trennt zwischen Person und schriftlichen Äußerungen auf der einen Seite und dem Werk auf der anderen Seite.“

Dass man das Thema Antisemitismus im Zusammenhang mit der Person Wagner überhaupt thematisiere, sei in der Forschung noch relativ neu, betonte Fischer. Inzwischen sei diese Tatsache aber allgemein anerkannt. „Der Streitpunkt ist: Ist das auch im Werk festzustellen?“ Fischer sagte, er sehe die Figuren Mime („Ring des Nibelungen“), Beckmesser („Die Meistersinger von Nürnberg“) und Kundry („Parsifal“) „zwar nicht vordergründig und eindeutig als Juden“, aber er sehe „durchaus Elemente und Anspielungen in Gestik, Singen und Musik, die in diese Richtung deuteten“. Für das Publikum im 19. Jahrhundert seien diese Hinweise gut zu verstehen gewesen - anders als beim heutigen Publikum. Denn im 19. Jahrhundert sei Antisemitismus allgegenwärtig gewesen. „Dafür gibt es auch Belege.“

Wagners Antisemitismus äußerte sich vor allem in seiner Schrift „Das Judenthum in der Musik“, die er zunächst 1850 unter Pseudonym in einer Musikzeitschrift veröffentlichte. „1869 erschien eine weitere Fassung dann unter seinem richtigen Namen“, erläuterte Fischer. „Die Schrift hat erhebliches Aufsehen erregt, schließlich war Wagner um 1869 ein berühmter Mann. Der zweite Punkt ist, dass sich in den Tagebüchern von Wagners Frau Cosima zeigt, dass sich Wagner regelmäßig negativ über Juden ausgelassen hat.“

Im Ton sei Wagner sicherlich Durchschnitt gewesen, wenn man bedenke, dass Antisemitismus im 19. Jahrhundert weit verbreitet war und es Judenhass schon seit Jahrhunderten gab. Der Komponist sei aber der erste gewesen, „der Antisemitismus überträgt auf das Gebiet der Kunst, konkret auf das der Musik, und das in schriftlicher Form bringt.“ Gerade bei der zweiten Veröffentlichung des Aufsatzes sei er ein berühmter, wenn auch umstrittener Künstler gewesen. „Das hat der Sache Brisanz verliehen.“

Die Gründe für Wagners Judenfeindlichkeit seien nicht einfach zu definieren, sagte der Wissenschaftler. Beim jungen Wagner habe es offensichtlich Probleme mit jüdischen Geldverleihern gegeben. „Und dann kam Paris, wo er sich über längere Zeit hinweg aufhielt. Und da hatte er das Gefühl, der Musikbetrieb in Paris ist fest in jüdischer Hand. Das stimmte nicht, aber es kam ihm so vor.“ Der berühmteste Opernkomponist dieser Zeit sei Giacomo Meyerbeer gewesen. Er habe Wagner sehr geholfen, „aber dieser hat es ihm nicht gedankt, sondern er hat Konkurrenzneid entwickelt. Wagner versuchte, Meyerbeer zu übertreffen, was ihm ja auch gelungen ist.

Dass Meyerbeer Jude war, hat bei Wagner zu einem antisemitischen Syndrom beigetragen.“ Animositäten habe Richard Wagner auch gegen Felix Mendelssohn Bartholdy und Heinrich Heine gehegt. Er habe seine negative Beurteilung dieser Menschen mit dem Judentum verbunden.

Jens Malte Fischer, bis 2009 Professor für Theaterwissenschaft in München, beschäftigt sich hauptsächlich mit der Kultur der Jahrhundertwende um 1900, der Geschichte der deutsch-jüdischen Kultur und des Antisemitismus und der Geschichte und Analyse der Oper. Zum Wagnerjahr hat er das Buch „Richard Wagner und seine Wirkung“ vorgelegt.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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